| 11.55 Uhr

Alt-Otzenrath in Grevenbroich
Erinnerungen an das weggebaggerte Dorf

Grevenbroich: Erinnerungen an das weggebaggerte Alt-Otzenrath
Inge Broska in ihrem Hausmuseum, das in einem alten Pfarrhaus in Hochneukirch untergebracht ist. FOTO: G. Salzburg
Grevenbroich. Inge Broska (74) bewahrt in ihrem Hausmuseum viele Alltagsgegenstände aus dem verschwundenen Ort Alt-Otzenrath auf. Von Ursula Wolf-Reisdorf

Wer das Hausmuseum von Inge Broska besucht, weiß nicht, wohin er zuerst schauen soll. Überall hängen Fotos und Gemälde, stehen Werkzeuge und Teile aus abgerissenen Häusern, die Inge Broska über Jahre in ihrem wegen des Braunkohleabbaus weggebaggerten Heimatdorf Otzenrath gesammelt hat.

Die Künstlerin begrüßt einen herzlich, klettert zum Pflücken von frischer Minze für den Tee aufs Fensterbrett der Küche und lenkt den Besucher beim Gang durch Haus und Garten vorbei an Fundstücken, meist Alltagsgegenstände aus ihrem alten Dorf. Mit dem Begriff Heimat kann sie aber nicht viel anfangen. "Mein Haus ist meine Heimat. Alle was mir wichtig ist, habe ich mitgenommen", erzählt die 74-jährige beim Rundgang.

Im Wintergarten des alten Pfarrhauses an der Hochstraße 39 in Jüchen-Hochneukirch hängen Fenster aus Alt-Otzenrather Bauernhöfen. Daneben stehen gedrechselte dunkelrote Holzkugeln, die aus Boxen von Pferdeställen stammen. Hörner von Kühen, die auf heimischen Weiden grasten, nimmt sie lächelnd in die Hand.

Ein Sammelsurium aus Fundstücken aus dem alten Dorf. FOTO: Georg Salzburg

Mit 50 zog die Kunstpädaogogin, die noch heute mit Kindern arbeitet, von Köln zurück in ihr Elternhaus. Schon damals stand fest, dass der Ort umgesiedelt werden würde. Und Inge Broska stieß auf Dinge, die sie schon als Kind gesammelt hatte. Heute bewahrt sie die Relikte ihrer Kindheit im "Scherbenzimmer" im Keller auf. In der oberen Etage hängen Schwarz-Weiß- und Farbfotografien verschiedener Epochen.

Die farbigen Bilder zeigen die letzten Bewohner des Dorfes und den Abriss des Rittergutes Leuffen. Auf den schwarz-weißen sitzt sie mit ihren Geschwistern als Kleinkind in der gusseisernen Badewanne, die heute neben vielen anderen Teilen im Hof des Hauses steht. "Wir hatten eine glückliche Kindheit. Hatten Schweine, Schafe, Ziegen und waren fast Selbstversorger", sagt Broska.

Im Garten stehen aufrecht nebeneinander "Jötschklompe" (Stieleimer) neben gusseisernen Badewannen. Inge Broska liebt diese "archaischen Dinge". Wie rostige Gartengeräte oder einen Kartoffeleimer, der sichtbare Spuren seiner Zeit trägt. "Aufheben, nicht wegwerfen, das ist meine Passion", erklärt sie. Durch den romantischen, wild wuchernden Garten, in dem Hortensien und Rhododendron-Sträucher aus Alt-Otzenrath stehen, führt ein Weg aus Klinkern ihres Elternhauses. Stufen führen auf ein altes grünes Gartentor zu, das sie aus Alt-Otzenrath gerettet hat. "Über diese alten Steine zu gehen, gibt mir ein gutes Gefühl. Es ist zwar traurig aber auch schön", erklärt sie.

Aufheben, nicht wegwerfen - das ist das Motto von Inge Broska. FOTO: Georg Salzburg

Als Künstlerin bezeichnet sie sich nicht. "Das klingt mir zu künstlich. Ich gehe einfach aufmerksam mit meiner Umgebung um". Schon als junge Frau sei sie mit dem Fahrrad in den Dörfern, die abgebaggert werden sollten, herumgefahren. Damals habe sie Grafiken geschaffen, die heute im Wohnzimmer hängen. Erst viel später, als sie über Jahre alles von Otzenrath nach Hochneukirch brachte, habe sie Zusammenhänge ihrer Werke erkannt.

Als Museumspädagogin hat sie Kindern ihre Leidenschaft für alte Dinge vermittelt. "Ich bin sehr viel in der Welt rumgekommen. Doch die alten Dinge aus den abgerissenen Häusern haben mich gefesselt", berichtet Inge Broska. Jetzt habe sie nur noch ein großes Anliegen. "Ich bin 74 und möchte mein Lebenswerk dokumentieren. Nicht zuletzt, weil ich es für die Zeit nach mir erhalten will."

Quelle: NGZ
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Grevenbroich: Erinnerungen an das weggebaggerte Alt-Otzenrath


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.