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Nachbarschaftsstreit in Grevenbroich
Hunde und Kinder sollen Kündigung provoziert haben

Grevenbroich: Mutter klagt über Mobbing durch Bauverein und Nachbarn
Monique Nauwarthat und Sedar Ilgin. FOTO: Boisseree
Grevenbroich. Ein Wohngebiet in Grevenbroich, eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern, ein Sohn dessen Vater im Wachkoma liegt, zwei Hunde und zwei Wohnungen auf der Kippe – die Geschichte eines Nachbarschaftsstreits.  Von Clemens Boisserée

Die Koffer hält Monique Nauwarthat schon bereit. Wie ein Hoffnungsschimmer stehen sie in der Ecke an der Wohnungstür. Am liebsten würde die vierfache Mutter all ihr Hab und Gut in diese Koffer packen und ausziehen. Raus aus der 90-Quadratmeter-Neubauwohnung in Grevenbroich. Raus aus dem, was sie als Mobbing bezeichnet. 

"Ich kann nicht mehr, ich bin völlig am Ende", sagt Nauwarthar. Die Nachbarn, den Hausmeister und ihren Vermieter, den Grevenbroicher Bauverein, hat sie als Schuldige dafür ausgemacht. "Die Kinder dürfen hier gar nichts, der Hausmeister hat sogar das Spielen im Garten verboten. Wir werden beleidigt und der Bauverein droht uns mit dem Rausschmiss", zählt sie auf.

Vorwürfe gegen den Hausmeister

Mit dem Konflikt ist Nauwarthat  nicht alleine. Serdar Ilgin wohnt mit Vater und Mutter nebenan. Der 35-Jährige holt einen Aktenordner aus dem Regal. Der enthält Bankunterlagen, Kontoauszüge, Gehaltsnachweise – seine ganze Hoffnung auf Besserung. Ilgin will für die Familie ein Haus oder eine Wohnung kaufen.

In dem Ordner findet sich aber auch ein Attest vom Hausarzt. Es bescheinigt dem 35-Jährigen einen Muskelfaserriss in der Wade, Gesichtsprellungen und eine Fingerendgliedfraktur. Die Verletzungen sind das Resultat eines Nachbarschaftsstreits, bei dem Ilgin sich "allein gelassen" fühlt.

Das ärztliche Attest. FOTO: RPO

Sein Vater liegt seit einem Herzstillstand 2011 im Wachkoma. Als er im vergangenen Jahr nach einem Notfall mit einem Rettungswagen abgeholt werden musste, "da haben sich die Nachbarn über den Lärm und eine Macke an der Haustür, verursacht durch die Trage, beschwert", sagt Ilgin. Er glaubt: Weil seine Eltern aus der Türkei kommen, werden sie in der Wohnanlage kritisch beäugt. "Den Hausmeister habe ich sagen hören, er hätte eine Türken-Allergie", erzählt der 35-jährige Krankenpfleger. 

Wie sich der Vermieter verteidigt

Schwere Vorwürfe, gegen die sich der Bauverein als Vermieter wehrt: Man habe mit der Diakonie einen Vermittler bei Nachbarschaftsstreitigkeiten beauftragt. Das Spielen im Garten sei der Familie "zu keinem Zeitpunkt untersagt", sagt Bauverein-Vorstand Michael Nowack. Und auch die Rassismus-Vorwürfe hält er für unhaltbar: "Der beauftragte Hausmeister hat die Bewohner unserer Objekte niemals beleidigt. Er hat auch keine rassistischen Äußerungen abgegeben", ist sich Nowack sicher.

So steht Aussage gegen Aussage. Die Familien Ilgin und Nauwarthat wohnen seit 2014 in dem ruhigen Wohnviertel im Grevenbroicher Zentrum. Der Altersdurchschnitt ist hoch, Kinder haben nur wenige. Nauwarthat hingegen lebt hier mit einer zwölf- und einer achtjährigen Tochter sowie vierjährigen Zwillingen. "Von Anfang an haben sich die Nachbarn und der Hausmeister an den Kindern gestört", sagt sie.

Am 1. März diesen Jahres sei die Situation schließlich eskaliert, nachdem eine ihrer Töchter von einer Nachbarin beleidigt worden sein soll. "Aufs übelste, mit Wörtern, die Kinder in diesem Alter nicht hören sollten", erzählt die Hausfrau. Sie rief die Polizei. Das passiert in dem Viertel laut Behörde keine zehn Mal im Quartal. "Das Wohnquartier kann aus polizeilicher Sicht als nicht auffällig bezeichnet werden", sagt eine Sprecherin.

Nachbar bei Schlägerei verletzt

Ilgin sei Zeuge der Beschimpfungen gewesen und zur Unterstützung geeilt. "Ich habe bei der Polizei ausgesagt. Als die Beamten weg waren, hat mir der Enkel der Nachbarin aufgelauert", sagt Ilgin. Die Verletzungen der folgenden Attacke sollen die ärztlichen Unterlagen in Ilgins Ordner attestierten. Beide erstatteten Anzeige, einmal wegen Beleidigung, einmal wegen Körperverletzung.

"Wir haben hier keine Möglichkeit gehabt einzuschreiten", sagt Nowack. Als Vermieter könne man bei einer Schlägerei nur die Hauptmieter belangen – das seien Ilgins Vater und die Großmutter des mutmaßlichen Angreifers. Außerdem habe man "völlig unterschiedliche Schilderungen der Beteiligten" vorliegen, sagt Nowack.  Die Verfahren werden später von der Staatsanwaltschaft eingestellt.

Dafür gab es neuen Ärger mit dem Vermieter, als Nauwarthat vor wenigen Wochen einen Hund in die Familie holte. "Meine Tochter leidet an Wahrnehmungsstörungen, der Hund hilft ihr", sagt die Mutter. Allerdings ist die Hundehaltung in Geschosswohnungen des Bauvereins nicht erlaubt. Ausnahmen gelten nur für "ältere Mieter, die bereits seit Jahren den Hund als Haustier halten", sagt Nowack.

Hunde sorgen für Kündigung

Ilgins Hund Efe. FOTO: Boisseree

Im Fall Nauwarthat hätten andere Mieter im Haus sich "bereits über die praktizierte Tierhaltung erheblich beschwert", sagt er. Bis zum 28. Juli soll sie den Hund wieder abgeben, ansonsten werde ihr Mietvertrag gekündigt, heißt es in einem Schreiben. 

Kritik dazu kommt von Michaelo Damerow, Geschäftsführer des Düsseldorfer Mietervereins, der auch Grevenbroich betreut: "Wenn es ein Hundeverbot gibt, muss das einheitlich umgesetzt werden. Ansonsten habe ich starke Zweifel, ob das Verbot und damit auch die Kündigung überhaupt wirksam sind." 

Auch bei Familie Ilgins gab es Probleme mit einem Hund. Die Kündigung erhielten sie bereits im Juli 2015, nachdem Labrador "Efe" einzog. Der Hund sei eine ärztliche Empfehlung, damit die Mutter vor die Tür komme, sagt Ilgin. Der Fall ging vor Gericht. Nowack sagt: "Diese Behauptung wurde dort zu keinem Zeitpunkt bewiesen." Zuletzt einigte man sich. Zum Ende des Jahres sollen Ilgins ausziehen.

Wie es für Monique Nauwarthat weitergeht, ist offen. Den Hund wolle sie behalten und stattdessen in eine andere Wohnung umziehen, sagt sie. Der Bauverein, dem in Grevenbroich laut eigenen Angaben mehr als 1600 Wohnungen gehören, sagt: "Aufgrund der Vorkommnisse sehen wir uns nicht veranlasst, eine Alternativ-Wohnung anzubieten."

Der 35-Jährigen hat die Auseinandersetzung zugesetzt, die Krankenkasse hat eine dreiwöchige Mutter-Kind-Kur genehmigt. Deshalb packt sie jetzt tatsächlich die Koffer – wenn auch nur vorübergehend. 

 
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