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Gefährliche Sucht an 228 Geldspielautomaten
Grevenbroicher verzocken 4,9 Millionen Euro

Gefährliche Sucht an 228 Geldspielautomaten: Grevenbroicher verzocken 4,9 Millionen Euro
Immer mehr Geld landet in Spielautomaten. FOTO: dpa-tmn
Grevenbroich. In der Stadt boomt das Glücksspiel: Noch nie wurde so viel Geld in den 228 Geldspielautomaten in Grevenbroich gelassen wie 2014. Viele Spieler sind süchtig. Sie gefährden ihre Existenz und bringen Familien zur Verzweiflung. Von Joris Hielscher

Blinkende Spielautomaten mit grellen Farben in dunklen Räumen - in solchen Spielhallen hat die 49-Jährige aus dem Rhein-Kreis Neuss, die anonym bleiben möchte, oft Zuflucht gesucht. "Vor allem die Melodie, wenn man gewonnen hat, macht den Reiz aus", erzählt sie. Doch die Gewinnmelodien verstummten. Sie verspielte viel Geld, erst ihr eigenes - und dann sogar welches, das ihr gar nicht gehörte. Um spielen zu können, hatte sie sogar ihren Lebenspartner bestohlen.

Solche Dramen sind in Grevenbroich sehr viel wahrscheinlicher geworden - denn es wird um immer mehr Geld gezockt. Laut Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW, die seit 1998 Daten sammelt, wurden allein in den Grevenbroicher Spielhallen und Betrieben mit entsprechenden Automaten im vergangenen Jahr mehr als 4,9 Millionen Euro verspielt.

Damit hat der sogenannte Kasseninhalt, das Geld, das am Ende des Tages im Automaten bleibt, einen neuen Höchststand erreicht. 2004 lag er noch bei 2,4 Millionen Euro und hat sich in zehn Jahren mehr als verdoppelt. 2010 waren es knapp drei Millionen Euro. Bei der letzten Erhebung im Jahr 2012 landeten 3,4 Millionen Euro in den Glücksspielautomaten.

Der Trend setzt sich fort. Der erhöhte Umsatz wird durch immer mehr Maschinen erreicht. Gab es 2004 203 Geldspielautomaten, sind es aktuell 228. Sie befinden sich an zehn Standorten in der Schlossstadt.

Die 4,9 Millionen Euro werden jedoch nicht nur in Spielhallen umgesetzt. Von den insgesamt 228 Geldspielautomaten in Grevenbroich stehen 143 in Spielhallen und 85 in Gastronomiebetrieben wie beispielsweise Imbissen und Kneipen. Zudem kann in einer wachsenden Zahl von Wettbüros Geld auf Fußballspiele und andere Sportereignisse gesetzt werden. Von dem Geld, das im Glücksspiel umgesetzt wird, profitiert auch die Stadt. 15 Prozent des Einspielergebnisses je Apparat gehen laut Vergnügungssteuersatzung an die Kommune.

"Ein beträchtlicher Teil des Geldes kommt von Menschen, die spielsüchtig sind", sagt Ilona Füchtenschnieder von der Landeskoordinierungsstelle. Glücksspielsucht ist eine anerkannte Krankheit, bei der das Verlangen zu spielen nicht kontrolliert werden kann. Dabei bestimmt sie den Alltag der Süchtigen, die Familie, Berufsleben und soziale Kontakte vernachlässigen. Oft ergibt sich daraus ein regelrechter Teufelskreis.

"Ich habe gespielt, um abzuschalten und um Probleme zu vergessen" erzählt die 49-jährige, die als Kurierfahrerin arbeitet. Das tat sie lange unentdeckt, doch als sie richtig Stress im Beruf hatte, verspielte sie all ihr Geld und dann das ihres Partners - es war für ein neues Auto gedacht. Voller Scham beichtete sie dies und fand Hilfe bei der Fachstelle Glücksspielsucht der Caritas, seit Dezember ist sie "clean". Mehr als 250 Menschen haben sich im vergangenen Jahr an die Fachstelle gewandt. Die überwiegende Mehrheit spielt an Automaten. "Es ist eine Sucht, die ganz schnell Existenzen gefährden kann", sagt Leiterin Verena Verhoeven. Die Mehrzahl sind junge Männer. Sorgen bereitet ihr, dass immer mehr Jugendliche und Frauen der Spielsucht verfallen. Der Jugendschutz bei Spielautomaten in der Gastronomie würde nicht kontrolliert, und um Frauen wirbt die Industrie gezielt.

Quelle: NGZ
 
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