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Grevenbroich
"Ich komponiere nicht Musik, ich webe"

Grevenbroich: "Ich komponiere nicht Musik, ich webe"
FOTO: Berns Lothar
Grevenbroich. Der Grevenbroicher Jonas Windscheid zog aus, um Jazzmusik zu lernen. In Basel traf er während seines Studiums auf einen der bekanntesten Jazzgitarristen, der ihm Mut machte, niemals seinen Traum aus den Augen zu verlieren. Von Kilian Treß

Fragt man Jonas Windscheid nach seinem Alter, kommt er ins Grübeln. "Bin ich jetzt 33?, fragt er sich und rechnet nach. "Nein, schon 34. Aber beim Musikmachen kann auch schon mal die Zeit vergessen", sagt er und lacht.

Erst vor ein paar Monaten brachte er nach Wochen im Tonstudio mit seiner Band "Paintbox" (Farbkasten) das Debut-Album "Ven" auf den Markt. Jetzt startete der in der Südstadt Grevenbroichs aufgewachsene und derzeit in Köln lebende Komponist gleich ein zweites Musik-Projekt. Die Pop- und Soul- Band "Funky Five". Sie spielte jetzt am Mittwoch beim Feierabendmarkt im Kultus ihr erstes Konzert. "Es war ein super Erlebnis", sagt Windscheid. Rund 50 bis 60 Leute hätten vor der Bühne getanzt. Klingt nach wenig Publikum. Für ihn aber kein Grund um Trübsal zu blasen. "Ich bin immer gerührt, wenn meine Musik ankommt, da ist es egal ob zehn oder 1000 Leute im Publikum stehen. Auf die Leidenschaft kommt es an. Wir wollen einfach spielen."

Das Konzert haben der Jazzmusiker und seine Bandmitglieder Thomas Lieven (ebenfalls Grevenbroicher und Drummer der Bundeswehr-Bigband), die Kölner Sängerin Tsega Tebege sowie Studienkumpel Robert Schulenburg wie beim typischen Jazz "very free" (sehr frei) angehen lassen. "Das hat viel Spaß gemacht, wir mussten viel aufeinander hören und entsprechend reagieren", sagt Windscheid.

Dabei ist er gar kein großer Freund der allzu freien Musik. Als Komponist sollte für ihn möglichst viel auf dem Papier feststehen, bevor es auf die Bühne geht.

Musik zu schreiben ist ohnehin schon eine Wissenschaft für sich. Was sich dabei aber in Windscheids Kopf abspielt, können nur wenige erahnen. "Ich webe Musik", sagt Windscheid. "Es geht nicht darum, wie bei der Pop-Musik A-,B- und C-Teil hintereinander zu reihen. Das ist zu einfach." Vielmehr schreibt er für mehrere Instrumente in verschiedenen Takten Melodien, die sich beim parallelen Spielen erst nach einigen Taktfolgen treffen. "Es gleicht vielmehr Mathematik" sagt Windscheid.

Das belegen die Stücke auf der Platte "Ven", benannt nach der malerisch schönen schwedischen Insel. Die zum Einsatz kommenden Instrumente auf der Platte sind wichtig wie jede einzelne Farbe eines Farbkastens. Jede steht für sich alleine. Aber erst in ihrer Kombination können sie gemeinsam spezielle Stimmungen vermitteln.

Musik ist schon seit Kindestagen Windscheids Leidenschaft. Noch vor dem Besuch der Astrid Lindgren-Grundschule spielte er bei der musikalischen Früherziehung Klavier, dann folgten Jahre an der Klarinette. Mit 14 entdeckte er die Gitarre für sich. Sein Lehrer, Jazzmusiker Phillip von Endert, brachte ihm nicht nur das Handwerk bei, sondern bereitete den späteren Abiturabgänger des Erasmus-Gymnasiums auch musikalisch auf die Folkwang-Universität in Essen vor. Dort studierte Windscheid acht Semester Jazz-Gitarre auf Diplom, ehe er den Masterstudiengang "Producing Performance" in Basel (Schweiz) dranhängte. "Die elektronische Seite der Musik hat mich beim Komponieren maßgeblich beeinflusst", sagt Jonas Windscheid. "Ich suche nach Wiederholungen, ähnlich wie bei der elektronischen Musik."

In der Studienzeit in Basel lernte er seinen österreichischen Dozenten, den Gitarristen Wolfgang Muthspiel, besser kennen. Ein Musiker, der in den angesagtesten Jazz-Clubs mit den größten Jazzmusikern der Zeit spielt. "Er hat mich inspiriert, immer meine Ziele zu verfolgen und nicht im Strom unterzugehen", sagt Windscheid über sein Idol. Nach insgesamt fünf Jahren in Basel kehrte er der Schweiz den Rücken. "Basel ist für Jazz einfach zu klein", sagt der Musiker. Seinen Wohnort hat der 34-Jährige jetzt in Köln. "Dort gibt es viel mehr Gleichgesinnte, ich will mich nun in der Domstadt vernetzen und mehr Auftritte bekommen. "Seinen Lebensunterhalt verdient er als Musiklehrer an der Grevenbroicher Musikschule. Dazu kommt die - oft geringe - Gage fürs Auftritte.

Aber er verfolgt einen Traum: "Ich will eines Tages auch berühmt sein", sagt er. Aber nicht des Berühmtsein wegens. "Sondern weil man täglich für Konzerte gebucht wird und jeden Tag seriöse Konzerte spielen kann", sagt der Jazzgitarrist.

Quelle: NGZ
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