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Grevenbroich
In der neuen Heimat jubeln die Möhren

Grevenbroich: In der neuen Heimat jubeln die Möhren
Die Autorin mit dem GL-Nummernschild für Bergisch Gladbach: Das bergische Auto samt Fahrerin lernen jetzt das niederrheinische Flachland kennen und vor allem auch schätzen. FOTO: Lothar Berns
Grevenbroich. Wie sich eine Neubürgerin aus dem Bergischen Land im Rhein-Kreis Neuss integriert und zuerst mal Vokabeln lernen muss. Von Gundhild Tillmanns

Heimat ist für mich nicht nur da, wo ich aufgewachsen bin. Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle - in diesem Fall auch seit Kurzem lebe und arbeite: im Rhein-Kreis Neuss. In der neuen Heimat erlebe ich die Sitten und Gebräuche der Einheimischen, die Art, wie sie sprechen. Wie ein Ethnologe bei der Feldforschung oder ein Urlauber muss ich hier zuerst mal Vokabeln lernen. Schließlich komme ich aus dem Bergischen Land, wo es richtige Winter, richtige Berge und überall Kurven gibt - im Vergleich zu hier fast schon alpine Verhältnisse.

Hier habe ich es sofort zu schätzen gelernt, auf geradem Wege meinen Arbeitsplatz in Grevenbroich erreichen zu können. Hier geht es schnurstraks durch die Felder... und schon bin ich am Ziel und kann dabei die schöne Landschaft genießen. Vor allem, wenn die Heuballen schön gebündelt auf den Feldern liegen, dann weckt die niederrheinische Landschaft Erinnerungen an van Gogh-Gemälde. Hingegen die düsteren und eigentlich immer regennassen oder im Winter verschneiten, kurvenreichen Berg- und Talfahrten im Bergischen Land vermisse ich kein bisschen. Denn da "zieht et sich", wenn man irgendwo hin muss.

Eines jagt mir allerdings bei nächtlichen Fahrten durch den schönen Rhein-Kreis Neuss immer noch einen gewaltigen Schrecken ein: Da stehen an unbeleuchteten Landstraßen immer so unheimliche Wesen herum. Bei Tageslicht betrachtet, sind es die katholischen Wegekreuze, die man im Bergischen Protestantenland nicht kennt. Unheimliches geschieht auch in der Dunkelheit auf den Äckern: Wie Ufos anmutende hell erleuchtete Fahrzeuge sind dort unterwegs. Wiederum bei Tageslicht betrachtet, entpuppen sich die "Ufos" als profane Trecker der modernen Generation.

Neu sind auch die Sitten und Gebräuche der Schützen, die hierzulande als Bruderschaften anzutreffen sind. Auch das entgeht dem bergischen Menschen, der in seiner Region nur die sakralen Sportschützen kennt. "Guck mal, da hängen die Schützen-Fahnen!", gebe ich mich ortskundig, werde aber sofort belehrt: "Das sind keine Fahnen! Das sind Fähnchen oder Wimpelketten!"

Learning by doing versuche ich es ein anderes Mal auf Einheimisch: "Heute Mittag gibt es Möhren-Gejubel", verkünde ich stolz und stelle das erwünschte Möhren-Kartoffel-Durcheinander auf den Tisch, um sogleich wieder korrigiert zu werden: "Gejubel, so ein Quatsch, Möhren jubeln doch nicht. Das heißt Muhre-Jubbel!"

Sofort ist mir aufgefallen, dass die Leute hierzulande den Buchstaben G nicht besonders mögen, das J dafür umso mehr: "Jibt et noch jrüne Jurken?", wäre da so ein Beispielsatz. Der Clou ist aber das Wort "verschangeliert", für etwas, das sozusagen verschandelt worden ist.

Überhaupt wird hier beim Sprechen viel mehr gesungen und je nach dem akzentuiert gesetzten Nachklang dem Gesagten eine ganz besondere Bedeutung gegeben. Sagt der bergische Mensch gerade heraus, ohne viel diplomatisches Geschick, was Sache ist, so erlebe ich die Leute hier eher so: "Sach' ma, hat dä Jeld?" - "Da sach ich nix zu.".... Und die Antwort wird dann ganz langgezogen, gesungen eben. So ist für mich der Niederrheiner mit seiner blumig-indirekten Ausdrucksweise der "Orientale Deutschlands".

Und das macht die neue Heimat auch so liebenswert. Heute hat mich ein Einheimischer gefragt: "Wo tusset hin?" Das liest sich zwar wie Chinesisch und macht, ins Hochdeutsche übersetzt, auch eigentlich keinen Sinn: "Wo tust du es hin?" Aber als Zeichen meiner erfolgreichen Integration habe ich verstanden, dass er in diese einzige Frage, eben ganz genauso wie die Orientalen, alles mit einschließt: "Was machst du, wie geht es dir und deiner Familie?" Eben das ganze Programm. Und nach einem netten Plausch habe ich hier schon gelernt, zum Abschied zu sagen: "Da steckste nich drin..."

Quelle: NGZ
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