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Grevenbroich
Junge Syrer fliehen alleine vor dem Krieg

Grevenbroich: Junge Syrer fliehen alleine vor dem Krieg
Die Syrer Bahi Tarakji (v.l., 16), Al Baraa Mohame (15) und Alharth Alslama (16) sind ohne ihre Eltern vor der IS-Bedrohung aus ihrer Heimat geflohen. Alle drei möchten Fachärzte werden und lernen fleißig Deutsch. FOTO: Lothar Berns
Grevenbroich. Drei 15 und 16 Jahre junge syrische Flüchtlinge haben sich alleine nach Deutschland durchgeschlagen. In Grevenbroich hoffen sie auf Frieden und eine Zukunft. Daheim wurde einer von ihnen als Christenfreund von der IS bedroht. Von Gundhild Tillmanns

Wenn der 16-jährige Bahi die Augen schließt und träumt, dann kommen immer wieder die gleichen Bilder: "Ich träume immer vom Krieg und von meinen Eltern", sagt der junge Syrer. Bahi Tarakji, der 15-jährige Al Baraa Mohame und der ebenfalls 16-jährige Alharth Alslama sind als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in Grevenbroich aufgenommen worden. Zwei werden noch im Kloster Langwaden betreut, Bahi lebt inzwischen in einem Privathaushalt. Seine Gedanken sind aber weit weg von hier: "Aus der Heimat hören wir nur Schlechtes. Und es wird immer schlimmer", sagen alle Drei.

Bahi hatte bis zum Beginn des Bürgerkrieges mit seinen Eltern und Geschwistern ein normales Leben in Aleppo geführt: "Ich war gut in der Schule, einer der Besten in meiner Klasse", berichtet er in sehr gutem Englisch. "Dann hörten wir von den ersten Toten. Die lagen einfach so auf den Straßen." Bahi und seine Familie, die Moslems sind, hatten auch viele christliche Freunde in Aleppo: "Die IS hat uns bedroht, weil wir auch unter den Christen Freunde hätten, seien wir genauso schlecht wie die und keine richtigen Moslems", berichtet Bahi.

Seine Eltern brachten die Familie schließlich in den Golfstaat Bahrein und damit in vorläufige Sicherheit. Doch das währte nicht lange: "Sie haben mich in Bahrein herausgeworfen, weil mein Pass abgelaufen war. Sie wollten mich nach Syrien zurückschicken, da bin ich von der Türkei aus einfach ausgerissen", sagt der 16-Jährige: "Auf einem sechs Meter kleinen Boot mit 60 Menschen. Da waren auch zehn kleine Kinder, erst ein oder zwei Jahre alt", fügt er hinzu. Ohne Trinkwasser und Nahrung seien alle an Bord des kleinen Bootes auf dem Meer getrieben: "Dann kam ein türkisches Kriegsschiff. Die Leute an Bord haben mit Gewehren auf uns gezielt. Sie haben erst aufgehört, als wir die schreienden kleinen Kinder in die Höhe gehalten haben", berichtet der 16-Jährige, der schon sehr erwachsen wirkt.

Schließlich am Ufer in Griechenland angelangt, musste ein zerklüfteter Gebirgszug mit scharfen Felsen zu Fuß überwunden werden: "Wir haben die kleinen Kinder in unsere Jacken gewickelt und über die Berge getragen", sagt Bahi, krempelt einen Ärmel hoch und zeigt Narben: Die hat er von mehreren Stürzen im Gebirge zurückbehalten. In einer christlichen Kirche bekamen die Flüchtlinge endlich Trinkwasser und etwas zu essen.

Sie wurden auf ein Schiff mit 300 weiteren Flüchtlingen gebracht. Über Mazedonien und Serbien schaffte es der 16-Jährige schließlich bis nach Ungarn. Was er dort erlebte, scheint, wie die gesamte Flucht, auch Narben auf seiner Seele hinterlassen zu haben. "Die Ungarn haben uns schlecht behandelt, die Polizisten haben uns geschlagen und ins Gefängnis gesperrt. Es war sehr kalt, sie haben uns nur ein kleines Sandwich pro Tag und einen Becher Wasser gegeben. Eine ganze Woche lang war ich eingesperrt. Dann wurde ich endlich nach Österreich freigelassen."

Mit dem Zug ging es noch weiter bis München, von dort in ein Zentrallager in Dortmund und schließlich nach Grevenbroich, wo Bahi und seine beiden syrischen Freunde nun darauf hoffen, auch innerlich zur Ruhe zu kommen: "Wir denken jeden Tag und jede Nacht an unsere Familien. Unser größter Wunsch ist es, dass sie aus Syrien rauskommen", sagen die drei Jungen, die übrigens noch einen ganz großen Wunsch haben: zu studieren und Arzt zu werden. Bahi möchte Neurologe, Baraa Kardiologe und Alharth Zahnarzt werden. Dafür lernen sie jetzt fleißig Deutsch.

Quelle: NGZ
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