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Grevenbroich
"Millionen-Fund" an der Lindenstraße

Grevenbroich: "Millionen-Fund" an der Lindenstraße
Claudia Horstmanns und Matthias Helpenstein mit einem der Millionen-Scheine auf der Baustelle. FOTO: LBER
Grevenbroich. Überraschendes kommt beim Abriss einer alten Villa zutage: Ein Arbeiter stößt auf ein Bündel von Ein- und Zwei-Millionen-Mark-Gutscheinen. Zu kaufen gibt's dafür allerdings nichts - es handelt sich um Inflationsgeld von 1923. Von Carsten Sommerfeld

Von so einem Fund träumt so mancher: Matthias Helpenstein brach gerade mit einem Bagger Teile des Dachstuhls einer alten Villa an der Lindenstraße ab, als plötzlich "aus der Zwischendecke ein Bündel Scheine fiel", erzählt der 29 Jahre alte Garten- und Landschaftsbauer. Beträge über eine Million und zwei Millionen Mark waren auf viele der rund 40 Scheine gedruckt. "Zuerst dachten wir, dass es sich um Geld aus dem Zweiten Weltkrieg handelt, dann sahen wir, dass die Scheine aus dem Jahr 1923 stammen", sagt der Mitarbeiter vom Jüchener Abbruch-Unternehmen Kamphausen & Zanders.

Einer der - bis auf die Ränder - noch recht gut erhaltenen Notgeld-Scheine von 1923. Landrat war damals Karl Friedrich August von Schoenfeld. FOTO: Claudia Horstmanns

Groß war die Überraschung gestern auch bei Architekt Hans-Joachim Onkelbach. "Wie die Scheine in die Zwischendecke gelangt sind, wissen wir nicht", erklärt er. Die Christel Rheydt Bauträger GmbH lässt die alte Villa an der Lindenstraße 52 abreißen und will dort für rund drei Millionen Euro ein Mehrfamilien-Wohnhaus mit Eigentumswohnungen errichten. Der aufgedruckte Gesamtwert auf den Scheinen übersteigt die Investitionssumme für den Neubau bei weitem.

Ausgestellt hatte viele Scheine, die laut Aufdruck "von allen öffentlichen Kassen im Landkreise Grevenbroich in Zahlung genommen werden", der Landkreis Grevenbroich. Der Rhein-Kreis könnte mit der gefundenen Summe wohl auf die geplante Anhebung der Kreisumlage verzichten - doch die Scheine sind nichts mehr wert.

Die abgerissene Villa in den 1930er Jahren. FOTO: Sammlung J. Larisch im Stadtarchiv

Gedruckt wurden sie nämlich zur Zeit der Hyperinflation 1923. Schon für die Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg wurde die Notenpresse angeworfen, danach erlebte die junge Weimarer Republik eine schwere Zeit mit Putschversuchen, Ruhrbesetzung und Reparationszahlungen. Die Mark verlor rapide an Wert, immer mehr Geld wurde gedruckt. Anfang 1921 war ein Dollar 121 Mark wert, im August 1923 4,86 Millionen, am 9. November 628 Milliarden. In Wäschekörben holten Arbeiter ihren Lohn ab, der bald nichts mehr wert war. Für ein Brot mussten schließlich Milliarden auf die Theke gelegt werden. Erst mit der Währungsreform Mitte November 1923 wurde die Reißleine gezogen und die neue Rentenmark eingeführt.

Notgeld wurde auch im Grevenbroicher Stadtgebiet eingeführt: "Nicht nur der Landkreis, auch Gemeinden gaben solche Gutscheine heraus", sagt Thomas Wolff vom Stadtarchiv. Der Grevenbroicher Sammler Jürgen Larisch weiß, dass es auch in Hemmerden und Kapellen solches Notgeld gab. Doch wer lagerte die alten Scheine in der Zwischendecke, und warum? Das Baujahr der Villa ist Onkelbach unbekannt. Das Stadt- und das Kreisarchiv haben keine Erkenntnisse, ob das Wohnhaus zeitweise zu anderen Zwecken genutzt wurde. Grevenbroicher vermuten, dass dort ein Geldinstitut oder - nach dem Zweiten Weltkrieg - die britische Kommandantur untergebracht war.

So soll das geplante barrierefreie Wohnhaus an der Lindenstraße 52 aussehen. FOTO: Architekturbüro Onkelbach

Und was passiert mit den Millionen-Scheinen? "Sie sollen dem Stadt- oder Kreisarchiv übergeben werden", sagt Claudia Horstmanns von Kamphausen & Zanders. Im Frühjahr soll der Bau des Wohnhauses mit Tiefgarage "auf dem 2000 Quadratmeter großen, parkähnlichen Grundstück starten", wie Onkelbach meint. Die Wohnungen sind 60 bis 150 Quadratmeter groß. "Der Großteil ist schon vergeben." Viele Interessenten wollten aus Stadtteilen in Richtung City ziehen.

Quelle: NGZ
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