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Grevenbroich
Muslimischer FSJler im katholischen Altenheim

Grevenbroich. Talha Toraman, gläubiger Muslim, verbringt seit April ein Freiwilliges Soziales Jahr im Seniorenzentrum Bernardus in Elsen. Von Valeska von Dolega

Andere nutzen die Zeit nach dem Abitur, um für ein Jahr auf Sprachreise zu gehen oder nach dem Schulstress zumindest ein paar Monate nichts zu tun. Talha Toraman ist grundsätzlich von 9 bis 17.30 Uhr montags bis freitags im Seniorenzentrum Bernardus. Dort komplettiert er das Team vom Sozialen Dienst, das Markus Pillich leitet, als sogenannter FSJler.

Ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) zu verbringen, empfindet der 19-Jährige auch als sinnvolle Orientierungshilfe für das, was später mal beruflich kommen soll. "Zeit zu schenken", wie er selbst nennt, wollte er unbedingt. "Im vergangenen Jahr hatte mein Großvater einen Schlaganfall", zusammen mit seiner Großmutter übernahm er die Betreuung. "Das hat mich motiviert, jetzt etwas für andere Menschen zu tun." Seit April hat er dazu Gelegenheit, individuell bei denen, die ihr Bett nicht mehr verlassen können, oder als Derjenige, der das Seniorenquiz oder die Bingo-Runde moderiert. "Man muss sich für die Menschen wirklich interessieren", hat er bereits gelernt. Ihre Wirklichkeit teilen zu können, bedeutet oft, "nachsichtig zu sein, nicht zu diskutieren und zu machen, was sie wollen". Als Dank gibt es ein Lächeln und die Gewissheit, jemandem eine Freude gemacht zu haben.

Maximal drei FSJler sind parallel im von Carsten Körner geleiteten Haus, was der Einrichtungsleiter als Erfolgsgeschichte würdigt. "Die vielen Freiwilligen sind ein Gewinn für die Gesellschaft", viele möchten etwas zurückgeben, Gutes tun. Das notwendige Wissen im Umgang mit den Schutzbefohlenen erlernen sie im Haus und bei Lehrgängen, die in Kooperation mit dem DRK durchgeführt werden. "Talha ist ein wertvoller Bestandteil unseres Teams", lobt Markus Pillich, Leiter der Sozialen Dienste. "Durch ihn gibt es neue Impulse und es weht ein frischer Wind." Die diversen Aufgaben, die Freiwillige wie er übernehmen, sind eine "wichtige Ergänzung. FSJler sind keine Lückenfüller." Schließlich habe die Senioreneinrichtung einen sozialen Auftrag, wie Carsten Körner betont. Den gilt es, in alle Richtungen zu erfüllen, also bei der Betreuung der anvertrauten Senioren gleichermaßen wie bei jedem Mitarbeiter. Dass mit Talha Toraman ein Muslim das Team des katholischen Hauses komplettiert ist auch ein Beispiel für "erweiterte gelebte Ökumene", wie Pillich sagt. "Die Diversität unter den Bewohnern muss nicht im Team aufhören", betont er. Seine Religion ist insofern ein Thema, als dass die Bewohner ihn gerne zum Glauben ausfragen. "Und ich lerne im Gegenzug viel über Katholiken und Protestanten."

"Früher war ich schüchtern", sagt der FSJler. "Jetzt bin ich aufgeschlossener." "Empathie, Selbstsicherheit und Teamgeist", fasst Markus Pillich zusammen, sind Dinge, die quasi nebenbei erlernt werden. Ganz sicher ist das FSJ keine Zeitverschwendung, das Engagement zahlt sich aus - nicht in barer Münze. Sondern für den späteren Werdegang. Aus seiner Computeraffinität möchte Toraman einen Beruf machen und Informatik studieren. Und später in Senioreneinrichtungen dieses Können anbringen. Noch netzwerkt er mit Freunden, hört Hip-Hop und überwindet seinen inneren Schweinehund. "Beim Krafttraining gehe ich ans Limit." Melden sich die Muskeln, legt der vormalige Schüler des Pascal-Gymnasiums eine Extrarunde ein. Die Aufgaben als FSJler "kann ich jedem nur empfehlen. Geist und Herz wachsen."

Quelle: NGZ
 
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