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Grevenbroich
Mutterschaft auf Probe mit lebensechter Puppe

Grevenbroich: Mutterschaft auf Probe mit lebensechter Puppe
Nach fünf Tagen (und Nächten) mit den lebensechten Baby-Puppen sitzt bei Lea (r.), Emma (l.) und ihren Mitschülerinnen jeder Handgriff. FOTO: L. Berns
Grevenbroich. Damit die Entscheidung für ein Baby - und den richtigen Zeitpunkt - bewusst fallen kann, bietet die Caritas die "Baby-Bedenk-Zeit" an. Von Susanne Niemöhlmann

Emma ist müde. Baby Max hat die 14-Jährige allein in der vergangenen Nacht sechsmal aus dem Tiefschlaf gerissen, wollte gefüttert, gewickelt oder nur herumgetragen und geschaukelt werden. Auch Lea (15) hat kaum ein Auge zugemacht. "Ich habe dauernd gewartet, dass es schreit", schildert sie ihre Sorge um Baby Ella. "Da war es gut, dass ich am nächsten Tag nicht zur Schule musste. Wenn man ein Baby hat, muss man den eigenen Lebensrhythmus dem Kind anpassen", sagt sie überzeugt. Für Annika war die Verantwortung schlicht zu viel. Sie hat die Puppe nach einem Tag wieder abgegeben. "Ich war so unsicher, konnte nicht schlafen, weil sie immer so merkwürdig geatmet hat", erklärt das Mädchen, das die neunte Klasse an der Katholischen Hauptschule Grevenbroich besucht. Ebenso wie ihre Mitschülerinnen hat Annika den Wahlpflichtkurs "Mädchenfragen" bei Kerstin Oehmen belegt, wo Themen wie Empfängnisverhütung und Schwangerschaft, Geburt und Säuglingspflege auf dem Lehrplan stehen.

Vor allem, was Letzteres angeht, konnten die 14- bis 15-Jährigen in den vergangenen Wochen reichlich praktische Erfahrung sammeln - an Baby-Puppen, die ihnen der Caritasverband zur Verfügung gestellt hatte. "Die Baby-Simulatoren haben sämtliche Bedürfnisse, die ein etwa zwei Monate altes Baby hat. Ein Computer zeichnet auf, ob sie die Pflege erhalten, die sie benötigen: also ob sie das Fläschchen bekommen und beruhigt werden beziehungsweise die Windeln gewechselt werden", erklärt Anna Pigorsch vom Beratungs- und Hilfenetz Esperanza, das zum Caritasverband Rhein-Kreis Neuss gehört und die Baby-Bedenk-Zeit anbietet. Mittels Chip lässt sich nachvollziehen, ob das "Baby" versorgt oder vernachlässigt wurde - und ob sich wirklich die ihm zugeteilte Person um das Kleine gekümmert hat.

Sieben Baby-Simulatoren stehen zur Verfügung, etwa die Hälfte der Kursteilnehmerinnen konnte also für einige Tage das Mutterdasein ausprobieren. "Natürlich mussten die Eltern der Mädchen einverstanden sein, denn das wirkt sich schon auf den Alltag aus", berichtet Anna Pigorsch. Aber genau darum geht es ja auch: jungen Menschen einen Eindruck davon zu vermitteln, wie viel Arbeit und Verantwortung ein Kind mit sich bringt - damit die Entscheidung für ein Baby bewusst gefällt wird. Hintergrund sind die seit Jahren gleich hohen Zahlen von Teenager-Schwangerschaften in Deutschland. "Sicher ist es schön, ein Baby zu haben. Aber es bringt eben auch Pflichten und Aufgaben mit sich. Wir möchten den Mädchen ermöglichen, ihre Lebensplanung zu reflektieren und sich über die Konsequenzen einer Entscheidung klar zu sein", sagt Anna Pigorsch. Für die meisten seien die Tage mit der Baby-Puppe eine positive Erfahrung, "sie stellen fest, was sie schaffen können". Für Annika und ihre Mitschülerinnen steht nach dem Experiment jedenfalls fest: "Ein Baby? Jetzt nicht!"

Quelle: NGZ
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