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Grevenbroich
Schüler auf Spuren jüdischer Schicksale

Grevenbroich. Die Schüler der Projektgruppe "KKG - Gegen das Vergessen" der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule bereiten im Stadtarchiv die Pogromnacht-Gedenkfeier vor. Die Suche nach jüdischen Schicksalen führt die Jugendlichen auch nach Auschwitz. Von Julia Nakötter

Ein kurzer Blick auf die mehrseitige Namensliste reicht aus und Murat ist entsetzt. "Ich hätte niemals gedacht, dass zur NS-Zeit so viele jüdische Familien in Gustorf gelebt haben - dort, wo ich heute wohne", sagt der 17-Jährige und hält einen Moment inne. "Aus den Städten kennt man ja die Stolpersteine, die an die Schicksale der Menschen erinnern. Dass die Juden auch hier bei uns in den Dörfern verfolgt wurden, ist erschreckend."

Murat ist einer von 35 Gesamtschülern, die sich in der Projektgruppe "KKG - Gegen das Vergessen" der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule engagieren. Seit 2011 gestalten die Jugendlichen aus den Jahrgangsstufen 10 bis 13 sowie ehemalige Schüler unter Leitung von Lehrer Thomas Jentjens und Reinhold Stieber die Gedenkfeier am 9. November auf dem Synagogenplatz. Auf Basis historischer Quellen aus dem Stadtarchiv wird an die Pogromnacht erinnert. "Diesmal möchten wir den Blick und das Gedenken in die einzelnen Stadtteile lenken", sagt Thomas Jentjens.

Stadtarchivar Thomas Wolff hilft den Gesamtschülern dabei, die Spuren jüdischer Schicksale während der NS-Zeit in Hemmerden, Kapellen, Frimmersdorf, Hülchrath und Wevelinghoven zu sortieren. "Mit Hilfe des Gedenkbuches des Bundesarchivs sowie der Namenslisten mit Hinweisen zu über 200 Biografien, die Ulrich Herlitz für die Ausstellung ,Grevenbroicher Gesichter' erstellt hat, kann nachvollzogen werden, wie jüdische Familien im Stadtgebiet ins Exil getrieben oder beim Holocaust systematisch ermordet wurden", erläutert Thomas Wolff.

Oftmals blieb das Schicksal der Verfolgten auch ungeklärt, wie Simon (17) bei der Recherche festgestellt hat: "Viele Juden sind für tot erklärt oder als verschollen gemeldet worden. Für die Angehörigen bedeutete dies Ungewissheit und Leid." Und auch die Härte, die jüdische Familien im Grevenbroicher Stadtgebiet von Nationalsozialisten entgegenschlug, ist auf den sogenannten Personenstandsmeldungen im Archiv nachzulesen. "Ab 1935 durften sie zum Beispiel nicht mehr den Friseur besuchen und Frauen bekamen den Namen ,Sarah'. Systematisch wurden die Juden hier immer weiter gedemütigt", berichtet der 17-jährige Devin.

Während der Pogromnacht-Gedenkfeier am 9. November, der mit einem Marsch zum jüdischen Friedhof endet, wollen die Gesamtschüler nicht nur erinnern. "Die Projektgruppe hat sich zuletzt dafür eingesetzt, dass der Friedhof wieder begehbar geworden ist. Eine Gedenktafel und eine Mitarbeit an einer Dokumentation über die Grabstätten sollen nun folgen", berichtet Lehrer Jentjens.

Zuvor begeben sich 21 Schüler der Projektgruppe auf eine weitere Spurensuche. "Im Oktober reisen wir erstmals nach Krakau und Auschwitz. Wir besuchen das jüdische Viertel, Gedenkstätte und Konzentrationslager - ein Höhepunkt der Projektarbeit", so Jentjens. Auch dort sollen die Schicksale der jüdischen Familien aus Grevenbroich im Mittelpunkt stehen.

Quelle: NGZ
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