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Grevenbroich
Unterricht im Haus eines Früchtehändlers

Grevenbroich: Unterricht im Haus eines Früchtehändlers
"Dreh- und Angelpunkt unseres Dorfes": die Ehrenbrudermeister Theo Esser (l.) und Berti Esser am Eingang der Alten Schule in Steinforth. FOTO: L. Berns
Grevenbroich. Der Schulweg nach Liedberg war beschwerlich. Deshalb beschlossen die Steinforther Ratsherren 1849, eine eigene Schule zu gründen. Von Marion Lisken-Pruss

Was vor 70 Jahren im Schulalltag noch gängig war, würde heute den Protest zahlreicher Eltern nach sich ziehen. Das gilt sicherlich auch für die Anekdoten, die Ehrenbrudermeister Theo Esser (79) zu erzählen weiß: Von den Schuhen seines Lehrers zum Beispiel, die er einlaufen musste, weil er die größeren Füße hatte. Dass er den Garten seines Lehrers umgraben musste, war zu seiner Schulzeit durchaus üblich.

Auch Ehrenbrudermeister Berti Esser (65) kann sich noch gut daran erinnern, dass Gartenarbeit im Lehrergarten auf dem Stundenplan stand. Das hatte Tradition: Als die Schule 1849 in Steinforth gegründet wurde, rechnete man die Lehrerwohnung und den Garten auf das Einkommen des Lehrers an. Deshalb spezialisierte sich August Wimmer nebenher auf den Obstanbau. Er war Steinforths erster Lehrer und sollte dort 40 Jahre lang unterrichten. In seinem Garten standen - so ist es überliefert - zeitweise 2000 Obstbäume. 28 Taler verdiente er allein 1872 mit dem Verkauf des Obstes hinzu. Damit konnte der Vater von acht Kindern sein Lehrergehalt von jährlich 300 Talern beträchtlich aufbessern.

Dass in Steinforth überhaupt eine Schule gegründet wurde, verdankte der Ort seinen hartnäckigen Ratsherren. Die erachteten den Schulweg nach Liedberg, wo die Kinder bisher unterrichtet wurden, als zu weit und zu beschwerlich. Denn damals gab es keine befestigten Wege, und viele Kinder verzichteten im Winter oder bei schlechtem Wetter auf den Schulbesuch. In Liedberg war der Lehrer der dortigen Schule allerdings wenig begeistert von den Plänen, in Steinforth eine neue Schule einzurichten. Denn eine sinkende Kinderzahl bedeutete für ihn gleichzeitig ein geringeres Einkommen. In die Schar der Gegner reihten sich auch der Liedberger Bürgermeister, der Landrat und der Kreisschulpfleger ein.

Doch in Steinforth ließen sich die Ratsherren nicht beirren und setzten in Düsseldorf die Gründung der Schule durch. Als Schulgebäude erwarb die Gemeinde das sogenannte "Prinzen-Erb": Das Haus hatte einst der Früchtehändler Prinzen erbaut. Die Wirtschaftsgebäude wurden abgerissen - und die Kinder seit 1849 im ehemaligen Wohnhaus unterrichtet. Theo Esser, der fast 100 Jahre später eingeschult wurde, kann sich noch gut an die Räumlichkeiten erinnern: "Rund 100 Kinder wurden von der ersten bis zur achten Klasse in einem Raum und von einem Lehrer unterrichtet", erzählt er. Erst 1948 wurde ein zweiter Raum angebaut, so dass die Kinder aufgeteilt werden konnten.

20 Jahre später, am 31. Juli 1968, erfolgte das Aus für die Steinforther Grundschule. Seit 1995 mietet die St.-Sebastianus-Bruderschaft die Alte Schule an. Damit übernahm sie als erster Korschenbroicher Verein ein städtisches Gebäude in Eigenregie. "So konnten wir die Alte Schule als Begegnungsstätte erhalten. Sie ist Dreh- und Angelpunkt unseres Dorfes", sagt Theo Esser.

Quelle: NGZ
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