| 00.00 Uhr

Grevenbroich
Wie Grevenbroich den Aufschwung erlebte

Grevenbroich: Wie Grevenbroich den Aufschwung erlebte
FOTO: Berns, Lothar (lber)
Grevenbroich. Die Ausstellung "Nierentisch und Wirtschaftswunder" dokumentiert, wie die Stadt Grevenbroich ihr Gesicht veränderte. Von Wiljo Piel

Die Villa Erckens wird zurzeit für eine Zeitreise vorbereitet. Und das mit Hochdruck. Denn schon heute in einer Woche sollen die Museums-Besucher im Dachgeschoss des Hauses in eine Epoche zurückversetzt werden, in der die Stadt maßgeblich ihr Gesicht veränderte. "Nierentisch und Wirtschaftswunder" heißt die Ausstellung, die ab Mittwoch, 25. Mai, einen Blick auf die Jahre 1950 bis 1965 freigeben wird - nicht nur mit vielen lokalen Erinnerungsstücken, sondern auch mit Zeitzeugen, die aus der Rock 'n' Roll- und Beat-Ära berichten werden.

"Die 50er und 60er faszinieren das Publikum - das haben wir in den vergangenen Jahren schon bei der Bravo- oder der Kino-Ausstellung festgestellt", sagt Stadtarchivar Thomas Wolf. Anders als die bisherigen Präsentationen soll die aktuelle Museumsschau einen möglichst umfassenden Blick auf die Wirtschaftswunderjahre in Grevenbroich liefern. "Sie beginnt mit dem Wiederaufbau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg, mit Jahren die von Not und Mangel geprägt waren", schildert Wolf: "Und sie endet mit dem Aufschwung, der Wohlstand für viele Grevenbroicher brachte."

Auch sie gehört zur Ausstellung, die am kommenden Mittwoch in der Villa Erckens eröffnet wird: eine Postkarte aus den Wirtschaftswunderjahren. FOTO: LBER

"Nierentisch und Wirtschaftswunder" wird insbesondere einen Blick auf die Entwicklung der heimischen Industrie werfen. Für das Erftwerk, die Rheinische Blattmetall und die Maschinenfabrik Buckau-Wolf setzte in den 1950er Jahren ein starker Aufschwung ein. Und mit der Erschließung der Braunkohle und dem Bau des Großkraftwerks in Frimmersdorf - seinerzeit auch ein Medienereignis - erhielt Grevenbroich seine Prägung als Energiestandort. Damit kam Geld in die alte Kreisstadt, das irgendwie ausgegeben werden musste - etwa in den vielen Gaststätten, in denen Jazz, Rock 'n' Roll und Beat allmählich Einzug hielten, aber auch im "Corso"-Kino, das mit großem Pomp und viel Prominenz an der Bahnstraße eröffnet wurde. Sogar Kinderstar Conny Froboess sang dort ihren Hit "Pack' die Badehose ein".

"Gerade aus der Zeit des alten ,Corso' können wir noch einige gut erhaltene Exponate zeigen", berichtet Wolff. Dazu gehören drei Original-Kinositze, aber auch Eintrittskarten und Filmplakate, mit denen für Heimatfilm-Blockbuster wie "Verlobung am Wolfgangsee" geworben wurde. Überhaupt ist noch vieles aus dieser Wirtschaftswunderzeit übrig geblieben: Fahrräder, Mopeds, Aschenbecher, Geldscheine, Telefone, Persil-Kartons und Einrichtungsstücke wie der berühmte Nierentisch, der natürlich auch im Museum gezeigt wird.

Da weiß man, was man hat: Ein Persil-Karton aus den 50er Jahren. FOTO: Berns, Lothar (lber)

Und es werden jede Menge Fotos zu sehen sein, die den Wandel der Stadt dokumentieren. Der Wevelinghovener Sammler Jürgen Larisch wird eine Auswahl von Postkarten und Bildern hinzusteuern, die zum Teil erstmals öffentlich zu sehen sein werden.

Ab dem 14. Juli wird die Ausstellung ergänzt. Im Erdgeschoss der Villa Erckens werden dann ausgesuchte Hightech-Geräte aus den 50er und 60er Jahren gezeigt, die das Phonomuseum in Dormagen zur Verfügung stellt. Und Betreiber Volkmar Hess wird am 28. Juli unter Beweis stellen, was in diesen betagten Kästen noch so alles steckt. Unter dem Motto "Rote Lippen soll man küssten" wird er sich ab 19 Uhr als Plattenjockey betätigen und heiße Scheiben von Stars wie Paul Kuhn, Chris Howland, Friedl Hensch, Hazy Osterwald und Cliff Richard auflegen.

Großes Kino: Die Original-Filmplakate aus dem "Corso"-Kino werben für Blockbuster wie "Verlobung am Wolfgangsee" oder "Das Glück liegt auf der Straße".

"Wir werden die Ausstellung wieder mit einem Rahmenprogramm garnieren, das die Besucher in die alten Zeiten zurückversetzen soll", sagt Thomas Wolff. Musikalisch wird dies bereits am 8. Juni geschehen, wenn "Die Sweathearts" mit ihrer "Wirtschaftswunder-Revue" im Museum gastieren. Wie es war, im Grevenbroich der 50er und 60er Jahre, darüber berichten Zeitzeugen am 17. August. Der ehemalige Stadtarchivar Wolfgang Brandt, der Weltenbummler Clemens Schelhaas und der Musiker Günter Cremer kramen an diesem Abend in ihren Erinnerungen und erzählen unter dem Titel "Kindheit und Jugend in den 50ern und 60ern" Geschichten und Anekdoten aus dem wahren Leben. "Das wird ganz sicher ein vergnüglicher Abend, der vor allem bei den älteren Besuchern schöne Erinnerungen wecken wird", verspricht Thomas Wolff. Ebenso bunt soll es am 16. September zugehen, wenn die Band "Blue Moon" mit Rock 'n' Roll in der Villa Erckens aufwartet. Mit einem ernsten Thema beschäftigt sich Ulrich Herlitz wenige Tage später: Am 22. September berichtet das Mitglied des Geschichtsvereins über die Entschädigung jüdischer Opfer des NS-Regimes.

"Im Rahmen der Ausstellung wird es noch weitere Veranstaltungen geben, die bislang aber noch nicht terminiert wurden", sagt Thomas Wolff. So wollen sich unter anderem auch die Mitglieder der Grevenbroicher Oldtimerfreunde, die jedes Jahr die "Rhein-Erft-Rallye" organisieren, mit ihren alten Schätzchen an "Nierentisch und Wirtschaftswunder" beteiligen. Der NSU-Quickly-Club aus Kapellen hat bereits eine Leihgabe für die Ausstellung in Aussicht gestellt: Die Mitglieder werden eines der ersten Modelle des legendären Mopeds zur Verfügung stellen, das stellvertretend für die Mobilität in der Wirtschaftswunderzeit steht.

Die Ausstellung wird am kommenden Mittwoch um 19 Uhr eröffnet. Sie wird bis zum 2. Oktober im Museum der niederrheinischen Seele zu sehen sein. Über das Rahmenprogramm und besondere Veranstaltungen wird das städtische Kultur-Team regelmäßig im Internet unter der Adresse www.museum-villa-erckens.de. informieren.

Quelle: NGZ
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Grevenbroich: Wie Grevenbroich den Aufschwung erlebte


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.