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Grevenbroich
"Wir fühlen uns von der Stadt zu wenig informiert"

Grevenbroich: "Wir fühlen uns von der Stadt zu wenig informiert"
In der Gindorfer Gaststätte "Reissdorf en d'r Post" führten acht NGZ-Leser ein Streitgespräch mit Bürgermeisterin Ursula Kwasny (CDU) und dem Bürgermeisterkandidaten Klaus Krützen (SPD). FOTO: Lothar Berns
Grevenbroich. Beim Wählerstammtisch der NGZ diskutierten acht Leser in der Gindorfer Gaststätte "Reissdorf en d'r Post" mit Bürgermeisterin Ursula Kwasny (CDU) und Herausforderer Klaus Krützen (SPD). Die Themen waren breit gefächert - von der S-Bahn bis zu Angeboten für Jugendliche.

DITMAR KREMER Wir wissen, dass die Haushaltssituation in Grevenbroich nicht rosig ist. Was wird sich nach der Wahl ändern?

Ursula Kwasny Die Stadt hat ein Sanierungskonzept auf den Weg gebracht. Ziel ist es, 2024 wieder einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Dieses Konzept muss unbedingt eingehalten werden - mit allen Konsequenzen. Im Rathaus müssen etwa 60 Stellen abgebaut werden, eine Beigeordnetenstelle wird nicht mehr besetzt. Wir sind auf einem guten Weg, in 2015 ist noch alles im grünen Bereich. Das A und O ist aber: Wir müssen uns an die Vorgaben des Konzepts halten.

DITMAR KREMER Die Frage war dahingehend gestellt: Was wird sich mit Blick nach vorne ändern?

Ursula Kwasny Wir wissen alle, dass die Braunkohle in den nächsten Jahrzehnten ausläuft. Darauf bereiten wir uns vor. Es wird an interkommunalen Gewerbegebieten mit Jüchen und Rommerskirchen gearbeitet, weil wir auch künftig, wenn RWE nicht mehr da ist, Gewerbesteuer einnehmen müssen. Diese Projekte genießen Priorität.

KLAUS KRÜTZENIch hätte mir eine grundlegendere Betrachtung gewünscht, Frau Kwasny. Grevenbroichs Steuerkraft ist hoch. Problematisch ist aber, dass wir von zwei großen Unternehmen abhängig sind. Wenn die ein Problem haben, hat auch die Stadt ein Problem. Unsere Wirtschaftspolitik muss daher auf verlässliche Einnahmen ausgerichtet werden. Die sehe ich vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen - für diese Betriebe müssen Flächen bereitgestellt werden. Ich habe die Befürchtung, dass die interkommunalen Gewerbegebiete hauptsächlich für Logistiker bestimmt sind. Und noch eines: Wir haben bei Neurath eine 300 Hektar große, sogenannte landesbedeutsame Fläche für Industriebetriebe. Daran muss eine Stadt doch interessiert sein, da muss langsam einmal Entwicklung reinkommen. Ich sehe da nur nichts.

URSULA KWASNY Die ganze Fläche dort gehört uns nicht, sie ist unter anderem im Besitz von Landwirten. Wie das Beispiel mit Rommerskirchen zeigt, kann eine solche Entwicklung sehr zähfließend sein. Man muss erst einmal alle Leute an einen Tisch bekommen, das kann Jahre dauern.

KLAUS KRÜTZENAlso umso notwendiger, dass man das jetzt endlich einmal anpackt.

HOLGER KREMER Unsere Innenstadt soll ja einen unheimlich guten Kaufkraft-Index haben. Ich habe da mitunter einen anderen Eindruck. Blockiert das Einzelhandelsstandortkonzept die Entwicklung?

Klaus Krützen Das Einzelhandelsstandortkonzept, das gewisse Grenzen vorgibt, hat seine Berechtigung. Wie es damals geschrieben wurde, darf es aber nicht in Stein gemeißelt sein. Es muss darüber nachgedacht werden, ob das Konzept bis zur Bahnlinie oder bis zum Hammerwerk erweitert werden könnte. Wenn wir im Oktober den Wechsel im Rathaus haben, wird es eine meiner ersten Amtshandlungen sein, das Einzelhandelsstandortkonzept in den Stadtrat zu bringen.

URSULA KWASNY Das Hammerwerk hat sich nach dem Umbau sehr gut entwickelt. Dieses Gebiet liegt mir am Herzen. Demnächst wird die Einkaufsstraße sogar noch um ein Restaurant erweitert, das begrüße ich. Es stimmt, dass die Ansiedlung einer Apotheke durch das Einzelhandelsstandortkonzept verhindert wurde. Ich persönlich meine, dass man das auch etwas lockerer sehen könnte - dann wäre der Bereich dort auch gut abgeschlossen.

HOLGER KREMER Der wievielte Handy-Laden und der wievielte Fertigbäcker sollen unsere Innenstadt denn noch attraktiver machen?

UrsulA Kwasny Die Vermietung der Einzelhandelsflächen liegt bei den Eigentümern, als Stadt haben wir da keine Handhabe. Und das ändert sich auch nicht, egal wer an der Macht ist. Ich habe mit den Betreibern von "Café Extrablatt" verhandelt, weil diese Kette unsere Fußgängerzone bereichern würde. Wir hätten damit dann auch ein gastronomisches Angebot für junge Leute. Doch wenn die Eigentümer nicht wollen, können wir nichts machen. Ein anderes Beispiel: Die Modekette H&M hat ein wahnsinniges Interesse an unserer Stadt. Doch uns fehlt es an Geschäften mit entsprechend großer Schaufensterfläche. Außerdem war die Wirtschaftsförderung mit Saturn in aussichtsreichen Gesprächen, der Elektronikmarkt wollte sich im Montanushof niederlassen. Doch kurz vor der Unterschrift entschied sich der Vorstand gegen den Standort. Was sollen wir denn dagegen tun?

KLAUS KRÜTZEN Das sind mir zu viele Rechtfertigungen. Meine Wahrnehmung ist: Aus der Stadtverwaltung höre ich zunehmend, dass dieses oder jenes nicht funktioniert. Ich glaube, dass das eine Mentalität ist, die im Rathaus allmählich um sich gegriffen hat. Ich meine, wir müssen in Grevenbroich wieder zu einer Was-geht-Kultur kommen. Zu diesem Mentalitätswandel möchte ich sehr gerne beitragen.

ANDREAS HAHN Wir fühlen uns im Kapellener Neubaugebiet zu wenig von der Stadtverwaltung informiert. Würden wir uns nicht selber darum kümmern, wäre der Informationsfluss gleich Null.

Klaus Krützen Das ist eines meiner großen Anliegen. Ich bin der Überzeugung, dass die Verwaltung mit ihren Fachleuten regelmäßig in die Stadtteile rein muss, um sich den Bürgern zu stellen.

URSULA KWASNY Ich weiß, die Situation in Kapellen ist hochbrisant. Die Anwohner ärgern sich über einen Spielplatz, der keiner ist. Und da muss ich ihnen Recht geben. Ich habe jetzt selbst jemanden gefunden, der Sand liefert und auch für ein Spielgerät sorgt, so dass dieser Platz schon bald seine Funktion erfüllen wird.

KLAUS KRÜTZEN Aber, Frau Kwasny, so kann doch Politik nicht funktionieren. Das ist doch nichts Verlässliches.

DITMAR KREMER Ich denke, die Verwaltung redet zu wenig mit dem Bürger. Wie wollen Sie das ändern?

Klaus Krützen Wir müssen Stadtteilkonferenzen einrichten. Wenn es in einem Ort zu Entwicklungen und Veränderung kommen soll, muss die Verwaltung raus, um ihre Pläne vorzustellen und die Bürger zu beteiligen. Bei meiner Von-Tür-zu-Tür-Aktion habe ich immer wieder den Vorwurf gehört, dass Politik und Verwaltung zu intransparent seien und keinerlei Visionen haben, wo die Stadt in 15 Jahren stehen soll. Mir ist es daher wichtig, die Bürger in Prozesse rechtzeitig einzubinden.

URSULA KWASNYDas machen wir doch schon. Bei den Dorfentwicklungsplänen wurden etwa die Bürger aktiv mit einbezogen. Aber auch bei unserer Vision von der Breitbandversorgung.

CHRISTIANE WEISENBERGER Das ist doch keine Vision, das ist eine Notwendigkeit.

Ursula Kwasny Wir haben in unserem doppelgleisigen Verfahren die Telekom im Boot und die Deutsche Glasfaser, wir müssen nun zusehen, dass wir bei letzterer die 40-Prozent-Quote hinbekommen.

Klaus Krützen Ich habe aus dem Rathaus noch nicht gehört, was wir für einen Plan B haben. Kommunen wie Dormagen haben zusammen mit einem Anbieter eine Firma gegründet, um Glasfaser realisieren zu können - sogar in Gohr-Broich. Für mich ist klar: Wenn ich im Oktober im Rathaus sitze, wende ich mich sofort nach Dormagen. Die springen dann rüber von Gohr-Broich nach Neukirchen, dann sind wir ganz schnell auch in Münchrath und Kapellen.

URSULA KWASNY Nehmen Sie den Mund doch nicht so voll. Ich bin froh, dass wir mit der Telekom weiterkommen und wenigstens einen Teil der Stadt mit Glasfaser ausstatten können.

HERIBERT ROENSBERGWas unternehmen Sie für eine S-Bahn-Verbindung von Köln über Grevenbroich nach Düsseldorf?

URSULA KWASNY Der Planungsausschuss hat sich einstimmig für den Ausbau der RB 38 zur S-Bahn-Strecke ausgesprochen. Es scheitert aber an der Finanzierung.

KLAUS KRÜTZEN Der Landrat hat gesagt, dass dieses Projekt nicht wirtschaftlich ist und es sich daher nicht lohnt. Da werde ich wütend, weil es nicht stimmt. Ich meine, dass es Aufgabe der Bürgermeisterin ist, den Landrat von der Notwendigkeit dieses Ausbaus zu überzeugen, damit Grevenbroich nicht abgehängt wird. Und es ist auch ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Regionalisierungsmittel für ein solches Vorhaben in Berlin abgerufen werden.

CHRISTINA OSCHLIES Was wollen Sie machen, damit wir Jugendlichen die Stadt besuchen - und nicht nach Köln oder Neuss müssen?

Ursula Kwasny Junge Leute aus Grevenbroich sind es gewesen, die sich für den Nachtbus eingesetzt haben, der anfangs schlecht besetzt war, jetzt aber gut angenommen wird. Es stimmt, in Grevenbroich ist für Jugendliche wirklich wenig da, abgesehen von der GOT, dem Café Kultus oder im Sommer dem Evita Beach, die sicher nicht allen Ansprüchen gerecht werden. Um junge Leute in die Stadt zu holen, haben wir für ein kostenloses WLAN-Angebot gesorgt. Aber für's Vergnügen haben wir nichts anzubieten.

KLAUS KRÜTZEN Die Frage ist: Was wollen junge Leute überhaupt? Für mich wäre es das erste, mit Jugendlichen in den Schulen Kontakt aufzunehmen, um sie zu fragen, was sie von uns erwarten. Sicherlich ist es schwer, für chillige Cafés oder Kneipen zu sorgen, weil das immer über die Inhaber-Schiene läuft. Aber ich denke, dass man zusammen viel hinbekommen kann, wenn man weiß, wo der Hase im Pfeffer liegt.

CHRISTIAN SAUERWEINEs wäre toll, wenn es in Grevenbroich mehr Festivals mit aktueller Musik, lokalen DJs und Bands geben würde.

THEO LYS Da steig ich direkt mal mit ein, weil ich diesen Vorschlag gut finde. Es wäre sinnvoll gewesen, am Hammerwerk etwas für junge Leute zu realisieren. Da kann es auch ruhig etwas lauter sein, und der Standort liegt nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. So etwas wäre meiner Meinung nach besser gewesen als die Spielhalle und das Wettbüro, die sich dort angesiedelt haben.

HOLGER KREMERNoch ein Vorschlag: Warum räumt man nicht das Bürgerbüro und verlagert es zum Bahnhof, wo die Leute mit Bahn und Bussen ankommen? An der jetzigen Stelle könnte mit dem Kultus etwas für Jugendliche entstehen, mitsamt der vorgelagerten Fläche.

URSULA KWASNYIch glaube nicht, dass so etwas in Erfüllung gehen könnte. Und Wettbüros können wir nun mal nicht verhindern, da wo sie zulässig sind.

KLAUS KRÜTZEN Der Vorschlag mit dem Bürgerbüro ist sicher nicht umzusetzen. Aber man muss ihn ja nicht direkt beerdigen. Aus vielen verrückten Vorschlägen kann etwas werden, wenn man nur miteinander spricht. Ich finde, wir müssen auch viel mehr Augenmerk darauf legen, was in den Schulen passiert. Künftig werden die Kinder dort noch mehr als bisher ihr Freizeit verbringen - da sind die Ressourcen. Außerdem gibt es Kooperationspartner, die Angebote machen. Darauf muss man als Stadt aktiv zugehen.

URSULA KWASNY Damit ist aber lange noch nicht die Frage geklärt, welche Angebote die Jugendlichen an den Wochenenden wahrnehmen können. Ich denke, dass wir hier auch den Dialog mit den jungen Leuten aufnehmen müssen, so wie wir es in der Vergangenheit bei der Planung von Spielplätzen im Stadtgebiet getan haben.

WILJO PIEL FASSTE DAS GESPRÄCH ZUSAMMEN

Quelle: NGZ
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