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Grevenbroich
Zwischen Morgengebet und Schützen-Festball am Abend

Grevenbroich: Zwischen Morgengebet und Schützen-Festball am Abend
Diakon Manfred Jansen in der Elsener Pfarrkirche St. Stephanus. Vor dem Frühstück beginnt dort jeden Tag mit einem morgendlichen Gebet. FOTO: A. Tinter
Grevenbroich. Ein Tag unterweg mit Diakon Manfred Jansen (56) aus dem Pfarrverband Elsbach/Erft. Von Jascha Huschauer

Die meisten Menschen beginnen ihren Tag mit dem Frühstück oder unter der Dusche. Nicht so Manfred Jansen. Er will in den ersten Minuten des Tages Gott ganz nah sein. Sein Weg in die Elsener Kirche St. Stephanus ist nur wenige Meter lang. Denn Jansen lebt als Diakon im benachbarten Pfarrhaus. Sein morgendliches Gebet dauere in der Regel etwa 15 Minuten, sagt er. "Kommt darauf an, was mich so umtreibt. Die Schicksale der Menschen gehen mir schon oft sehr nahe", sagt er.

Seit Januar 2014 ist Jansen Diakon im Pfarrverband Elsbach/Erft. Aufgewachsen ist er in der Nähe von Aachen. In Bonn und Trier hat der 56-Jährige Theologie studiert, wurde 1995 zum Diakon geweiht. Seine beiden Söhne sind längst erwachsen und haben ihm inzwischen drei Enkel geschenkt.

Eheschließung in der Gustorfer Kirche. Auf die Trauung hat sich Manfred Jansen beim Hochzeitsgespräch vorbereitet. FOTO: Jahu

Jansen ist sicher ein eher unkonventioneller Geistlicher, aber ein sehr charismatischer Typ. "Ein echtes Original", könnte man sagen. Aber er erreicht die Leute mit seiner offenen Art. Und das ist ihm auch wichtig. "Den Menschen helfen, sie da abholen wo sie sind und ihnen Kraft geben - darin sehe ich meine Aufgabe", sagt er.

Wer Jansen einen Tag lang begleitet, merkt wie viel Arbeit das ist. Nach dem morgendlichen Gebet und dem Frühstück setzt er sich an seinen Schreibtisch. An diesem Morgen schreibt er eine Mail an ein Inkassobüro. Darin bittet er um Nachsicht mit einem Grevenbroicher, der in Manfred Jansens Schuldnerberatung Hilfe suchte. Auch Termine für fünf Taufgespräche muss der Diakon vereinbaren, außerdem Predigten vorbereiten und ein Trauergespräch führen. Bei seiner täglichen Arbeit ist er auf ein Team angewiesen. Dazu gehören eine Pastoral-, eine Gemeindereferentin, Pfarrer, Kaplan und viele kirchliche Ehrenamtler.

Neben seinem Schreibtisch steht ein großes Regal mit theologischen Büchern, ein Plattenspieler und ein Schrank. Auf dem stehen zwei für den Diakon bedeutsame Gegenstände: Eine Bibel mit Illustrationen des Künstlers Marc Chagall und ein großes Stück Kohle. Das erinnert Jansen an eine wichtige Zeit seines Lebens. "Ich wollte wenigstens ein Mal richtig arbeiten", scherzt er. Nach seinem Theologie-Studium habe er ein Jahr lang unter Tage Kohle gefördert. "1200 Meter tief in die Erde zu fahren und zu sehen, welche Kräfte dort wirken, hat mich in eine enorme Ehrfurcht vor der Schöpfung versetzt", sagt der 56-Jährige. Fast noch nachhaltiger haben ihn aber die Bergarbeiter beeindruckt. Das spürt man, wenn er von ihnen erzählt. "Nach einem harten Tag da unten fällst Du beim Abendbrot einfach mit dem Kopf in den Teller", sagt er: "Ich habe dort erlebt, wie hart manche Menschen arbeiten müssen, um ihre Familie zu ernähren."

Stundenlang könnte man Jansen zuhören, wenn er über das Leben der Menschen spricht. Bei Tauf- und Hochzeits-Gesprächen, bei der Arbeit als Seelsorger und im Gemeinde-Alltag bekommt er unglaublich viel mit. Aber sein Zeitplan lässt das jetzt nicht zu. Auf ins Auto. In der Kirche St. Maria Himmelfahrt in Gustorf steht eine Trauung an. 15 Minuten vor Berginn der Messe, betritt Jansen die Sakristei, bespricht den Ablauf schnell mit dem Organisten, während er seinen Talar anzieht. "Waren die schon da mit den Ringen", fragt er. "Nein, die bringt die Tochter", antwortet der Organist. Es wird eine sehr ungewöhnliche Trauung, weil die Tochter des Ehepaares um den Altar herum wuselt. Jansen fängt das immer wieder auf, spricht mit ihr. Irgendwann will das Mädchen singen. Jansen lässt sie. Andere Familien hätten das vielleicht als unpassend empfunden. Hier sind alle ganz begeistert. Trotzdem hält Manfred Jansen einen sehr würdevollen Gottesdienst und gibt dem Paar einige Gedanken mit in die Ehe, die sie sicher mitnehmen werden.

Dann geht es weiter: Schützenfest in Orken. Wieder ein Gottesdienst. Die Fahrt in der Kutsche, danach ins Zelt. Und auch dort verhält sich Manfred Jansen anders als andere Geistliche. Er geht von Tisch zu Tisch, spricht mit den Menschen. Hört sich ihre Sorgen an, nimmt an ihrer Freude teil. "Diese Vielfalt ist das schöne an meinem Beruf", sagt er. Um 22 Uhr geht er nach einem langen Tag nach Hause. Denn am nächsten Morgen um 5 Uhr wird er eine alleinerziehende Mutter, die kein Auto hat und zum ersten Mal überhaupt mit ihrem Kind in den Urlaub fahren kann, zum Kölner Hauptbahnhof fahren.

Quelle: NGZ
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