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Haan
16. April 1945: Die Amerikaner kommen!

Haan. Heute vor genau 70 Jahren ging in Hilden und Haan mit dem Einmarsch amerikanischerEinheiten der Zweite Weltkrieg zu Ende. Der Haaner Manfred Kohl hat in einem Buch "Sie kommen!" die Ereignisse nachgezeichnet. Von Ralf Geraedts

"Kein Frühling kann strahlender sein!", heißt es in einer Tagebuchaufzeichnung zum 15. April 1945 des Haaner Dichters Emil Barth. Seit 13 Uhr schweigt das Feuer der Artillerie. Es gibt Unruhe in der Stadt. Militärfahrzeuge fahren hin und her. Abends kommt sogar freudige Stimmung auf. Die Bevölkerung hat einige Tage zuvor eine Sonderzuteilung Alkohol erhalten. Vor dem Barth-Haus (Bahnhofstraße 62) lagert ein Trupp Soldaten. Der Schnaps lässt die Misere des Augenblicks vergessen. Zwei Hornisten blasen. Und ein alter ostpreußischer Feldwebel klagt: " Gehorsam ist noch da, aber kein Glaube mehr!"

Der frühere Dechant Karl Floßbach (1932-56 in Haan) notiert zum 15. April 1945: "Vier Generalstäbe halten sich in Haan auf. Generalfeldmarschall Model (...) steht mit einigen Offizieren auf der Moltkestraße. Gegen 22 Uhr höre ich noch: Haan soll bis auf den letzten Stein verteidigt werden." Der Seelsorger fragt sich aber auch: "Wer noch zum Endkampf angetreten wäre, ist mir schleierhaft." Und weiter: "Die Nacht ist grauenvoll. Schrapnellgeschosse explodieren in der Luft und streuen ihre Splitter überall. Gegen Morgen wird es unheimlich still. Die heilige Messe um 7 Uhr ist gar nicht besucht."

Einheiten der 97. US-Infanterie- und der 13. US-Panzer-Division waren dabei, den Ring um das noch verbliebene Gebiet des so genannten "Westkessels" immer enger zu ziehen. Von Ohligs und von Hilden aus stießen die Truppen über die Bundesstraße 228 nach Vohwinkel vor, um sich mit den von Solingen und Burscheid kommenden US-Einheiten zu vereinen. Eine Spezialeinheit der 13. Panzerdivision hatte den Auftrag, von Haan aus über Nebenstraßen nach Mettmann vorzurücken.

Am 16. April 1945 Uhr gegen 10.30 Uhr kommt es auf der Kaiserstraße zu einer folgenschweren Schießerei, ausgelöst durch einrückende Einheiten der Panzerdivision. Eine brennende, schwarz qualmende Fahrzeugreihe vor der Adler-Apotheke und das plötzliche Erscheinen einer Reihe von Wehrmachts-Fuhrwerken mögen die Schützen zu der Reaktion veranlasst haben. Fabrikant Walter Balken wird vor seinem Haus, Kaiserstraße 21, tödlich getroffen.

"Obwohl es in Haan am Einmarschtag der US-Einheiten zu keinerlei Kampfhandlungen kommt, werden auf der Kaiserstraße 14 Wehrmachtsangehörige, ein Zivilist und zwei Kriegsgefangene durch Maschinengewehrfeuer getötet", hat Manfred Kohl recherchiert. Seit vielen Jahren befasst sich der gebürtige Solinger mit Details des Kriegsgeschehens in seiner Heimat. Er hat per Computer weltweit in Militärarchiven nach Informationen gesucht, Auskünfte der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt) in Berlin eingeholt, Kirchenbücher eingesehen und mit vielen Zeitzeugen gesprochen.

Und er räumt mit der Legendenbildung auf: "Es gab keinen Panzerfaust schießenden Hitler-Jungen auf der Kaiserstraße, der das Massaker auslöste. Auch keinen amerikanischen Panzerfahrer, der sich an der Grenzstraße in Ohligs verfranste und so anstatt in Solingen in Haan landete. Es hat auch keine Gegenangriffe der Wehrmacht gegeben." Die unter anderem von Gisela Heuken aus der Adler-Apotheke beobachtete Schießerei fand nicht einmal Eingang in einen Bericht.

Gegen 12 Uhr wird an der Ecke der heutigen Allee- und Nordstraße ein amerikanischer Halbketten-Lastwagen in Brand geschossen. Eine Stunde später wird ein US-Panzer auf der Flurstraße getroffen - von der im Wortsinn letzten Granate einer 650 Meter entfernten Stellung im Bereich Mahnert, wo deutsche Soldaten den Befehl umsetzen, die Munition zu verschießen und dann das Geschütz zu sprengen - dabei stirbt ein 19-jähriger Kanonier.

An diesem 16. April kommen laut Aussagen von Zeitzeugen fünf amerikanische Soldaten in Haan ums Leben. Ein Halbketten-Fahrzeug und ein "Sherman"-Panzer werden zerstört.

Am Abend kommt es in den requirierten Häusern Kaiserstraße 74 und 76 zu einem verheerenden Brand. Möglicherweise nach der "Selbstbedienung" in der nahen Kornbrennerei Hoppenhaus hantierten volltrunkene Köche unsachgemäß mit ihren benzingetriebenen Koch-Herden. Der Brand lässt abgelegte Munition explodieren. Wegen der verhängten Ausgangssperre traut sich kein Feuerwehrmann zum Einsatz. Mangels Strom funktioniert auch keine Sirene, und zudem ist der Löschteich Ellscheider Straße versiegt. Erst gegen Mitternacht ist das Feuer halbwegs unter Kontrolle - das Obergeschoss aber wurde zerstört und fehlte Jahrzehnte lang.

Wer Interesse an dem Buch "Sie kommen!" hat, setze sich mit Manfred Kohl in Verbindung - unter Tel. 02129 51718 oder manfred.kohl@mail.de

Quelle: RP
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