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Analyse
Flagge zeigen für die Freundschaft

Haan. Haben sich Städtepartnerschaften in der heutigen Zeit überholt? Das Bündnis zwischen Haan und Eu (Frankreich) feiert im kommenden Jahr 50. Geburtstag. Gute Gelegenheit für neue Impulse. Von Alexandra Rüttgen

"Bald gehört die Partnerschaft einer neuen Generation. Sie soll stolz auf uns sein."

Aus der Ansprache von Francois Gouet, damaliger Bürgermeister der französischen Stadt Eu, anlässlich des 40. Jahrestags der Partnerschaft von Haan und Eu.

Im kommenden Jahr feiert die Städtepartnerschaft zwischen Haan und dem französischen Eu ihren 50. Geburtstag. Ein guter Grund zum Feiern. Doch zuletzt sah es so aus, als hätte der Jugendaustausch, Kernstück der Städtepartnerschaft, kaum noch Chancen auf Fortbestand. Denn 2015 ließ sich in Frankreich keine Gastfamilie finden. Der Jugendaustausch wurde zunächst auf Eis gelegt. Der Anfang vom Ende?

Zwischenzeitlich konnte der Haaner Jugendreferent Peter Burek, der den Austausch auf Seiten der Stadt organisiert, wieder mit guten Nachrichten aufwarten: Für dieses Jahr fanden sich neun französische Gastfamilien, die Haaner Jugendliche bei sich aufnehmen wollten. Die Teilnehmer sind am 17. Juli voller neuer Eindrücke in die Gartenstadt zurückgekehrt. Und für 2017, wenn ein Gegenbesuch der Franzosen in Deutschland ansteht, haben sich jetzt schon Haaner Familien gemeldet, die jugendliche Teilnehmer aus Eu bei sich aufnehmen wollen.

50 Jahre Städtepartnerschaft mit Eu - das soll gefeiert werden, betonen alle Beteiligten. Erste Gespräche dazu werden beim Weinfest in Haan vom 26. bis 28. August geführt, denn es haben sich auch Gäste aus Frankreich angekündigt. Und ein weiterer deutsch-französischer Kontakt steht ebenfalls schon auf dem Programm: Die Evangelische Kantorei - die 2017 übrigens ihr 120-jähriges Bestehen feiert - fährt vom 1. bis 3. Oktober nach Eu. Das zeigt: Einen Austausch gibt es immer wieder und immer noch - häufig auch ausgehend von Haaner Gruppen und Vereinen, ohne dass die Verwaltung der Stadt Haan daran mitwirken muss.

Mit welchen Aussichten also geht die deutsch-französische Städtepartnerschaft ins Jubiläumsjahr? Ist das Bündnis - ins Leben gerufen von einer Generation, die noch den Krieg aus eigenem Erleben kannte - zwischenzeitlich überholt? Schließlich wird der europäische Gedanke auf weit höherer Ebene längst gelebt. 1967 trat der EG-Fusionsvertrag in Kraft, der die bis dahin drei wirtschaftlich orientierten Europäischen Gemeinschaften einte. Und 1992 wurde die Europäische Union gegründet.

Fritz Köhler, ehemals Kulturamtsleiter der Stadt Haan, überlegt. "Der Austausch hat sich verändert. Für die Jugendlichen ist Frankreich heute ganz normal. Austauschprogramme gehen jetzt in Richtung Neuseeland", hat er beobachtet. Köhler ist Mann der ersten Stunde. Er hat die Gründung der deutsch-französischen Partnerschaft als junger städtischer Beamter in Haan einst miterlebt und später in entscheidender Funktion über Jahrzehnte organisiert. Auch heute noch hängt sein Herz daran, und der Jugendaustausch ist für ihn immer noch Herzstück der Städtepartnerschaft. Denn Kultur und Lebensart eines fremden Landes können junge Menschen "am ehesten in einer Familie kennenlernen", statt in einem All-Inclusive-Hotel.

Und "gerade jetzt sieht man, dass Europa zusammenhalten muss", sagt Köhler angesichts des Brexit und des nationalstaatlichen Gedankenguts, das sich in vielen Ländern wieder auszubreiten droht. Dass der Jugendaustausch aussetzen musste, habe sicher nicht an Unwillen gelegen: In einer Stadt wie Eu mit knapp 9000 Einwohnern seien eben auch "die Aufnahmekapazitäten nicht so groß". Köhler hält den Jugendaustausch, der vor allem vom Haaner Gymnasium intensiv gepflegt wird - es ist Europaschule und Teilnehmer an Erasmus-Programmen - nach wie vor für "eine ganz tolle Angelegenheit". Wichtig aber sei es, nicht nur Gymnasiasten daran teilhaben zu lassen, sondern möglichst viele Jugendliche aller Schulformen. Nur dann finde die Partnerschaft eine breite Basis. Und es gilt: "Krieg ist teurer als Freundschaft."

Übrigens: Dank des Engagements von Herbert Raddatz existierte der Jugendaustausch schon zwei Jahre vor der Städtepartnerschaft. Raddatz sieht die aktuelle Lage pragmatisch: "Zwei Generationen liegen zwischen dem Gründungsdatum und heute. Heutzutage sieht man die Dinge anders. Es muss auf beiden Seiten, in Deutschland und in Frankreich, jemand dahinter stehen." Eine neue Generation also muss hier wie dort übernehmen - und die Partnerschaft mit eigenen Ideen bereichern.

Quelle: RP
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