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Haan
Wie Haan in den Ersten Weltkrieg stolperte

Haan: Wie Haan in den Ersten Weltkrieg stolperte
Rekrutengruppe vor dem Abmarsch an die Front (1915) FOTO: Gruitener Archiv
Haan. Der Haaner Historiker Reinhard Koll hat sich mit den Auswirkungen des Krieges auf die Stadt Haan befasst. Eine Spurensuche. Von Sabine Maguire

Um Himmelswillen, diese Spatzen. Irgendwie muss man den überall umherschwirrenden Vögeln doch den Garaus machen können? Und dann ist sie plötzlich da, die geniale Idee: Für jeden toten Vogel zahlt die Verwaltung 5 Pfennige. Die Haaner greifen zu den Waffen. Nur ein paar Wochen nach dem Schießbefehl dürfte Bürgermeister Richard Gläßner mit dem Jagderfolg durchaus zufrieden gewesen sein. Mehr als 3500 Plagegeister wurden erlegt. Auch sonst gab es im Sommer 1914 im beschaulichen Haan keinerlei Grund zur Beunruhigung. Alles lief seinen gewohnten Gang. Gesunkene Viehfutterpreise, keine schweren Straftaten, die Wirtschaft floriert: der Verwaltungschef konnte sich entspannt zurücklehnen. In beiden Haaner Kinos genossen Cineasten heitere Kost. Hinter der Turnhalle des HTV blies die Militärkapelle zum Marsch und die Katholiken fuhren zehn Jahre nach der Gründung einer eigenen Pfarrei nach Kevelar.

Jung-Deutschland-Gruppe 1914 mit "Kriegern" (links einer mit Holzschwert), "Sanitätspersonal" und (vorne liegend) einem "Verwundeten". FOTO: Gruitener Archiv

"Man hatte das Gefühl, in einer heilen Welt zu leben", bringt Dr. Reinhard Koll die Lage in "Europas letztem Sommer" auf den Punkt. Der ehemalige Geschichtslehrer am Haaner Gymnasium ist ein profunder Kenner der Haaner Ortsgeschichte. Unzählige Stunden hat er im Stadtarchiv die Chroniken der damaligen Ereignisse gewälzt. "Selbst als Offiziere im Juli noch Privatquartiere für die routinemäßigen Herbstmanöver suchten und Pferde auf der Jägerstraße musterten, deutet nichts auf den sich abzeichnenden Krieg hin", glaubt Reinhard Koll.

Babygruppe mit Papierhelmen. Darüber das schild "Lieb Vaterland magst ruhig sein" FOTO: Gruitener Archiv

Dabei braute sich jenseits der Provinz das Unheil längst zusammen. Nur Wochen zuvor waren Erzherzog Franz Ferdinand und Gemahlin Sophie Chotek in Sarajevo im offenen Gefährt unterwegs. Die Ereignisse am Straßenrand werden später als Mischung aus bitterer Ironie und menschlichem Versagen in die Geschichtsbücher eingehen. Denn es war nicht ein Attentäter, der darauf gewartet hatte, das Paar ins Jenseits zu befördern, es waren sechs. Nachdem die Bombe des ersten Attentäters nicht gezündet hatte, bekam der zweite plötzlich Skrupel. Das dritte explosive Geschoss kullerte vom Auto herunter und detonierte auf der Straße, der vierte Attentäter blieb untätig. Nachdem er seinen Unmut über den Empfang beim Zwischenstopp vor dem Rathaus Luft gemacht hatte, stieg der Thronfolger dennoch wieder ins Auto, um auch den fünften Anschlag zu überleben. Nach einem Wendemanöver nahm das Schicksal schließlich mit zwei platzierten Schüssen seinen Lauf und führte geradewegs in die "Julikrise". All das stand kurz darauf in der Walder Zeitung, die auch in Haan gelesen wurde. Als am 1. August schließlich die Mobilmachungsorder auf dem Schreibtisch von Bürgermeister Gläßner landete, dürfte das nicht gänzlich unerwartet gewesen sein. Schon in den letzten Julitagen hatten die Sozialdemokraten im benachbarten Elberfeld zu Kundgebungen aufgerufen. "Die SPD war in Haan damals die einzige Partei, die sich gegen Militarismus, Wettrüsten und Völkermord ausgesprochen hatte", zitiert Reinhard Koll die Chroniken. Zuvor hatten bereits Rosa Luxemburg im Hotel Windhövel und Klara Zetkin im großen Saal von Albert Leimberg vor der Kriegsgefahr gewarnt.

Neben den Spatzen, auf die selbstverständlich auch weiterhin geschossen wurde, wendete man sich nun, nachdem der Ausbruch des Krieges verkündet war, auch den Tauben zu. Ihr Einsatz zur Nachrichtenübermittlung war eine von 30 Sofortmaßnahmen, die der Verwaltungschef zu Papier bringen ließ. Dazu gehörten außerdem der Umgang mit Waffen und die Zensur von Zeitungen und Flugblättern. Während die "Hanner Volkszeitung" am 3. August offiziell den Kriegsbeginn verkündete, schloss Rektoratsschuldirektor Otto Cramer die Ansprache an seine Schüler mit einem "dreifachen Hoch auf Kaiser, Vaterland und deutsche Waffen".

Zur gleichen Zeit saß ein Gruitener in Hamburg am Schreibtisch, um an seine Mutter und die Geschwister zu schreiben. "Also den Krieg hätten wir jetzt", begann der 21-jährige Fritz seine Worte an die Familie, die schließlich in einem patriotischen Appell gipfeln: "Entweder siegen wir, oder wir sterben."

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Quelle: RP
 
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