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Hilden
Armut wird präsenter in der Stadt

Hilden. Der Sozialdienst katholischer Frauen und Männer hat zu einer Podiumsdiskussion in die Kleiderkammer eingeladen. Der rege Austausch lieferte manchen Anstoß für Sozialpolitiker. Von Ralf Geraedts

Die Erwartung von Anabela Barata wurde nicht enttäuscht. Die SPD-Fraktionsvorsitzende hatte gehofft, aus der Podiumsdiskussion zum Thema Armut einige Impulse für die künftige Arbeit zu bekommen - obwohl sie anmerkte, das Hilden "ganz gut aufgestellt" sei. Tatsächlich aber gilt jedes fünfte Kind unter drei Jahren als arm. Die Zahl der Obdachlosen ist auf 181 angestiegen, die Wohngeldzahlungen wuchsen um 50 Prozent auf 840.000 Euro. Über 483 Ausweise der Tafel würden 586 Erwachsene und 200 Kinder versorgt. "Die Lage ist deutlich schwieriger geworden und die Probleme sind komplexer", informierte Sven Luther, Geschäftsführer des Vereins SPE Mühle.

Auch Lars Schäfer von der Landes-Fachstelle Armutsbekämpfung überraschte die Hildener Fachleute. Er hatte aus Zahlen, die die Ruhruniversität zusammengetragen hatte, eine Auswertung für Hilden gezogen und festgestellt, dass es auch in der Itterstadt Bereiche gibt, in denen ein großer Teil der Bewohner Leistungen nach dem SGB II beziehen; in einem Bezirk südlich der Stadtmitte seien es gar 18 Prozent.

Hilde und Gertraud, zwei Frauen aus Düsseldorf, sprachen erstmals offen über ihr Leben mit 404 Euro im Monat für Lebenshaltung, Strom, Telefon und Fahrkosten. Beruflich fand Bürokauffrau Getraud nicht mehr Tritt, nachdem sie ganz für ihre kranke Tochter da sein musste. "Es gibt viele schlechte Arbeit", fasste sie Tätigkeit aus dem Minijob- und Niedriglohnbereich zusammen. Hilde kritisierte, Kinder aus armen Familien würden in der Schule oft ausgegrenzt. Leistungen nach dem Teilhabepaket müssten auch für nur 10 Euro aufwendig beantragt werden. Politiker, fand sie, "leben in einer Blase". Erhard Beckers (Mitglied der nationalen Armutskonferenz) zeigte weitere Probleme auf. Eine (neue) Brille zu erhalten, sei für arme Menschen wirtschaftlich schwierig. Die Kleiderkammern seien "Ausfluss dessen, dass Menschen sich keine Kleider mehr leisten können". Familien ließen ihre Kinder in der Schule nicht essen, weil sie den Eigenanteil nicht aufbringen könnten; stattdessen würden Ausreden gesucht, um die Geldnot nicht zugeben zu müssen.

In Hilden fehlen Sozialwohnungen und Wohnungen im preisgedämpften Segment. SKFM-Geschäftsführer Hubert Bader wusste, dass selbst eine Handwerkerfamilie mit zwei Kindern Probleme habe, eine bezahlbare Bleibe zu finden. Anabela Barata betonte, die Stadt habe der eigenen Wohnungsbaugesellschaft mehrere Grundstücke überschrieben. Sie bedauerte, dass ein Vorhaben am Bruchhauser Kamp wegen Kritik aus der Nachbarschaft über den entfallenden Spielplatz auf Eis gelegt wurde.

Awo-Vorsitzender Günter Scheib, ehemals Hildens Bürgermeister, hielt, auch mit Blick auf die jahrelangen Diskussionen um die Nutzung des Areals der früheren Albert-Schweitzer-Schule, fest: "Die Politik knickt bei Widerständen ein - da liegt das Problem!" Er wünsche sich "Menschen im Rat mit Rückgrat".

Mehrere Zuhörer berichteten von Problemen und unfreundlicher Behandlung in Jobcentern. Moderator Andreas Vollmert, Journalist aus Düsseldorf und unter anderem in der Flüchtlingsberatung tätig, bestätigte die haarsträubenden Berichte. Immer wieder klang an, dass arme Menschen Angst vor Sanktionen haben - da würden Leistungen um 30 Prozent gekürzt, wenn auf einen Brief zu spät reagiert werde, auch dann, wenn der Brief verspätet eingegangen sei.

An vielen der angesprochenen Punkte kann eine Stadt nichts ändern, weil Land oder Bund zuständig sind. Aber die Diskussion kann auf lokaler Ebene beginnen. "Es ist bewundernswert, wie viel in Hilden gemacht wird", befand CDU-Ratsherr Christian Gartmann.

Quelle: RP
 
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