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Auf Ein Wort Franz M. Werhahn
"Danke, Herr, für die Verspätung"

Auf Ein Wort Franz M. Werhahn: "Danke, Herr, für die Verspätung"
Franz M. Werhahn ist Vikar der katholischen Pfarrgemeinde St. Jacobus Hilden. FOTO: ola
Hilden. Endlich Ferien! Der gemeinsame, schon Monate vorher geplante Urlaub steht vor der Tür. Freitags geht es los. Alles ist zeitlich genau abgestimmt: S-Bahn, Umsteigen zum Flughafen, Ankunft dort, Gepäckaufgabe, Sicherheitscheck, Passkontrolle, Abflug.

Und am Zielort ebenfalls exakt abgepasste Anschlüsse bis man endlich im Hotel ist. Wehe wenn unterwegs oder am Ziel etwas Unerwartetes dazwischenkommt, etwa, dass ich wegen S-Bahnverspätung mein Flugzeug verpasse, oder sich der "naturbelassene Strand" als vermüllt erweist. Dann grüble ich nämlich tagelang darüber nach, wem ich später das Schadensereignis als "entgangene Urlaubsfreuden" in Rechnung stellen kann. Als Urlauber hat man ja schließlich seine Rechte. Stress am Strand! Schöner Urlaubsbeginn!

Szenenwechsel, ein Urlauber erinnert sich: Andalusien 1985; mit anderen warten wir auf den verspäteten Zug, der uns von einem kleineren Ort südlich von Cordoba nach Sevilla bringen soll. An Pünktlichkeit gewöhnt, werde ich nach fünfzehn Minuten erst nervös, dann ärgerlich. Schließlich schimpfe ich los: "Mist, nun warten wir schon über eine halbe Stunde ... Kein Wunder, dass es mit Spanien nicht vorwärts geht ..." Bevor ich anheben kann, das Hohelied auf unsere deutschen Tugenden zu singen, betreten junge Einheimische den Bahnsteig und warten anschließend wie wir. Nach einiger Zeit packt einer von ihnen seine Gitarre aus und fängt an, zu spielen. Einige aus seiner Gruppe beginnen, sich im Rhythmus zu wiegen. Die anderen Wartenden klopfen den Takt dazu mit den Füßen. Nach einer Weile beginnen die ersten zu tanzen, und nach einer weiteren viertel Stunde tanzt alles. Schließlich packt mich meine Frau und schleppt mich auf den Perron, der nun zum Tanzboden geworden ist. In den Pausen unterhält man sich - mit Händen und Füßen, lacht und hat Spaß. Aus "entgangenen Urlaubsfreuden" wegen Zugverspätung ist auf einmal eine ungeplante Urlaubsüberraschung geworden. Meine Laune hellt sich auf. Ich fühle mich ganz in die Mentalität der Spanier eingehüllt und finde es wunderbar. An unseren Zug denke ich nicht mehr. Toll, wie diese Menschen den Augenblick zu leben verstehen. Seit Jahren tanze ich wieder einmal mit meiner Frau. Und wir haben dabei miteinander gesprochen wie schon lange nicht mehr. Ich bin glücklich. Abends vor dem Schlafengehen betet meine Frau: "Danke, Herr, für die Verspätung." Und ich antworte etwas verschämt: "Amen" Auch das haben wir schon lange nicht mehr gemeinsam getan.

Quelle: RP
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