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Hilden
Educon: Videos sorgen für Entsetzen

Hilden: Educon: Videos sorgen für Entsetzen
Was hat sich in der Wohngruppe für autistische Kinder in Hilden abgespielt? Das klärt jetzt das Düsseldorfer Landgericht. Die Anklage umfasst den Zeitraum von Mitte Juli 2006 bis Ende Mai 2008. FOTO: Olaf Staschik (Archiv)
Hilden. Therapie oder Sadismus? Im Prozess um die mutmaßliche Misshandlung autistischer Kinder mussten die Zuschauer starke Nerven beweisen, als Videoaufnahmen gezeigt wurden.

Im Prozess um die mutmaßliche Misshandlung autistischer Kinder bei Düsseldorf haben Videoaufnahmen im Gerichtssaal für Entsetzen gesorgt. In den am Donnerstag gezeigten Aufnahmen ist zu sehen, wie die damalige Leiterin einer Wohngruppe autistischer Kinder und zwei ehemalige Erzieher eine 16-jährige Autistin mehr als eine Stunde lang festhalten, anschreien und quälen. Das wehrlose Mädchen fleht seine Peiniger mehrfach an, aufzuhören: "Lasst mich, das tut weh - nicht, nein, nein."

Doch sie erntet nur Spott, wird angebrüllt, ihre Augen werden mit einem Tuch verbunden, ihr wird Wasser über den Kopf und unter das T-Shirt gekippt. Das völlig erschöpfte Mädchen wird an Armen und Beinen festgehalten und malträtiert.

Nach kurzer Lockerung folgt die nächste Schikane. Die Zuschauer im Gerichtssaal sind von den Aufnahmen entsetzt, atmen hörbar schwerer und müssen zum Teil wegsehen. Seit Juni müssen sich fünf ehemalige Mitarbeiter einer Einrichtung der evangelischen Graf-Recke-Stiftung vor dem Düsseldorfer Landgericht verantworten. Die damalige Leiterin der Wohngruppe und vier ehemalige Erzieher sind wegen Misshandlung Schutzbefohlener, Freiheitsberaubung und Nötigung angeklagt. Laut Anklage haben sie bis 2008 fünf autistische, geistig behinderte Jugendliche über zwei Jahre lang gequält und misshandelt.

Nach dem eineinhalbstündigen Video fragte Richterin Karin Michalek die Angeklagten, ob sie etwas dazu sagen wollen. Die ehemalige Leiterin der Wohngruppe erklärt: "Das Mädchen war aggressiv und die Behandlung war der einzige Weg, ihr die Unterbringung in der Psychiatrie zu ersparen."

Angeblich wäre alles mit dem Erfinder der Therapieform abgesprochen gewesen. Doch der hatte, als ihm bei der Polizei die selbe Videosequenz gezeigt wurde, das Vorgehen der Erzieher als "Sadismus" bezeichnet. Das habe mit seiner Therapie nichts zu tun, zitierte die Richterin aus der polizeilichen Vernehmung des Mediziners: "Offenbar hatten die handelnden Personen Spaß an der Aktion."

Kinder sollen stundenlang fixiert worden sein und Therapeuten sollen sich mit ihrem ganzen Körpergewicht auf sie gelegt haben. Tagelang sei Kindern Essen verweigert worden, sie hätten Unkraut essen müssen. Handtücher seien so fest um ihre Köpfe gewickelt worden, dass sie kaum noch Luft bekamen und in Panik gerieten.

Die rabiate Praxis wurde auf über 200 Stunden Videomaterial dokumentiert. Der Misshandlungsskandal war 2010 bekanntgeworden. Die Einrichtung Educon, eine Tochter der evangelischen Graf-Recke-Stiftung, wurde inzwischen aufgelöst und in die Stiftung integriert.

(RP/dpa)
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