| 16.34 Uhr

Hilden
Entsetzen über Vertrauensbruch

Düsseldorf. Dechant Ulrich Hennes über den Hirtenbrief und Familienscham.

In seinem Hirtenbrief an die irische Kirche bezeichnete Papst Benedikt XVI die Missbrauchs-Fälle als "sündhafte, kriminelle, bestürzende" Taten. Mit dem Hildener Dechanten und Haaner Pfarrverweser Ulrich Hennes sprach RP-Redakteurin Stefanie Mergehenn über die Stimmung an der Basis.

Herr Pfarrer Hennes, vermissen Sie im aktuellen Hirtenbrief des Papstes eine Stellungnahme zu den Missbrauchsfällen in Deutschland?

Hennes Das ist so eine typisch deutsche Erwartung an den Papst, dass er zu Vorfällen in seinem Heimatland auf jeden Fall explizit Stellung nehmen muss. Er ist aber der Papst der Weltkirche – und in Irland existiert das Problem schon wesentlich länger und ausgeprägter. Hinzu kommt, dass es dort eklatante Mängel in der Priesterausbildung gibt.

Inwiefern?

Hennes In Irland war man lange Jahre qua Geburt katholisch. Die irische Kirche hat es verpasst, sich auf die veränderte Situation einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft einzustellen. So scheint es, wie mir ein irischer Amtsbruder und Freund berichtete, dort keine pastoralen Konzepte zu geben, während an unseren Priesterseminaren seit den 90er Jahren auf eine ganzheitliche Ausbildung auch in der Pastoralpsychologie geachtet wird. Zudem wird an unseren Seminaren meines Erachtens sehr transparent gearbeitet.

Und die voran gegangenen Übergriffe?

Hennes Erfüllen mich mit stummem Entsetzen über den Vertrauensmissbrauch von Kindern. Zwar bin ich weder Täter noch Opfer, doch empfinde ich als Amtsträger eine Art Familienscham. Es tut mir einfach weh, mit welchen Fakten meine Familie, die Kirche, seit etlichen Wochen in den Schlagzeilen ist.

Ihr Langenfelder Amtsbruder berichtet, dass Gemeindeglieder den Austritt erwägen. Begegnet Ihnen diese Reaktion auch in Hilden oder Haan?

Hennes Nein, bislang Gott sei Dank noch nicht. Ich habe eher den Eindruck, dass die Leute, die in meine Sprechstunde kommen, Scheu haben, mich auf das Thema anzusprechen – so nach dem Motto: Was kann denn der arme Pastor Hennes dafür . . . Eine stille Solidarität also mit denen, die jetzt in Sippenhaft genommen werden.

Immerhin steht die Katholische Kirche ja nicht allein am Pranger . . .

Hennes Abgesehen davon, dass natürlich jeder Missbrauchsfall einer zuviel ist, sind die Geschehnisse an der privaten Odenwaldschule in der Tat eine Art Praxiserweis dafür, dass es zu einfach wäre, die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche mit dem Zölibat zu begründen, wie Heiner Geißler das beispielsweise in einer für mich unerträglichen Art jüngst in "Hart aber fair" versucht hat. Kommentare wie der RP-Leitartikel am vergangenen Donnerstag, in denen eben nicht die ganze Einrichtung verteufelt wird, sind hingegen wohltuend.

Auch in Online-Foren und Blogs melden sich ja (ehemalige) Schüler zu Wort, die ihre in Verruf geratenen Einrichtungen rehabilitieren wollen.

Hennes Davor habe ich großen Respekt – wie auch vor dem Elternvertreter des Internats Ettal, der sich jetzt ganz klar hinter den Abt des Klosters gestellt hat. Ich vermisse in der gegenwärtigen Diskussion vielmehr die Frage, warum Verantwortliche die Fälle vertuscht haben.

Oder warum ein pädophiler Priester aus Essen unter dem damaligen Kardinal Ratzinger wieder in München in der Seelsorge eingesetzt wurde . . .

Hennes Aus meiner Kenntnis derartiger Personalkonferenzen werden da jede Woche 30, 40 Fälle durchgewunken. Selbst wenn es um die Ernennung von Subsidiaren geht, muss aber die Heimatgemeinde um eine Stellungnahme gebeten werden. Das ist offenbar ausgeblieben.

Quelle: RP
 
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