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Auf Ein Wort Hans-Peter Gitzler
Gott ist ein Gott, der uns sieht

Hilden. Du bist ein Gott, der mich sieht" (1.Mose 16,13) Dieses kurze Gebet spricht Hagar, die Magd Sarahs und Abrahams, nachdem Gott durch seinen Engel zu ihr geredet hatte. Sie war schwanger, erwartete ein Kind von Abraham. Dieser war verzweifelt. Gott hatte ihm Nachkommenschaft versprochen, aber seine Frau Sarah wurde einfach nicht schwanger. Sozusagen um Gott auf die Sprünge zu helfen, schlief er mit der Magd seiner Frau, mit Hagar. Beide Frauen waren einverstanden damit. Der Erfolg stellte sich ein, Hagar wurde schwanger, was wiederum den Neid der "Chefin" Sarah nach sich zog. Sie schickte Hagar in die Wüste, doch Gott sah ihre Not, holte sie ein und schickte sie zurück. Später brachte sie Ismael zur Welt, der auch Stammvater eines großen Wüstenvolkes werden sollte.

Verstoßen, hinausgeworfen, abgesondert, in die Wüste geschickt, zum Spielball der Eifersucht geworden - das war nicht nur das Schicksal Hagars. Dieses teilt sie mit vielen Menschen. Wir kennen das alle, wie es ist, wenn wir uns hinausgedrängt fühlen aus den sozialen Bindungen in Familie, Beruf oder Gemeinde. Allein auf uns geworfen, so empfinden wir uns. Die äußere Leere, die wir dann spüren, wird schnell zur inneren Leere. Wir sind gleichsam unsichtbar: Mich nimmt keiner mehr wahr, keiner liebt mich. Wer oder was bin ich denn noch? Die wunderbare Botschaft der Erzählung aus dem ersten Buch Mose, Kapitel 16, Vers 13, ist, dass Gott Hagar darin nicht allein lässt.

Die Kirchentagslosung 2017 reduziert diese Botschaft auf drei Worte: "Du siehst mich." Gerade dort, wo wir uns am weitesten von Gott entfernt wähnen, da ist er mit seinem fürsorgenden Blick ganz nah bei uns. Gott ist ein Gott, der uns sieht.

Hagar und Ismael bekommen eine neue Perspektive von Gott zugesagt. Sein Blick eröffnet ihnen einen neuen Blick auf ihr Leben. Gott meint es gut mit seinen Menschen. Manchmal spüren wir das erst, wenn es uns gar nicht gut geht. So war es auch bei Hagar.

"Du siehst mich!" Das ist auch eine gute Losung für das Jahr, in dem wir das 500jährige Jubiläum der Reformation feiern.

Damals hat ein an sich selbst und Gott verzweifelnder Mönch entdeckt, wie befreiend es ist, Wertschätzung bei Gott zu genießen.

Und das hat nicht nur das Leben von Martin Luther radikal verändert, sondern die Welt auch. Seine Bibelübersetzung und sein Katechismus haben den Menschen geholfen, ihren Glauben eigenverantwortlich zu leben und sich von klerikaler Bevormundung zu befreien. Seine Ermutigung, das eigene Gewissen durch selbstständige Bibellektüre zu schärfen, hat den Wert der Gewissensfreiheit und so den Weg in die Neuzeit mit bereitet. Seine theologischen Erkenntnisse haben die Kirche reformiert und laden auch heute dazu ein, die Fragen, Erfahrungen und das Lebensgefühl heutiger Menschen für eine zeitgemäße Glaubensgestalt des Christentums ernst zu nehmen.

Hans-Peter Gitzler ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Haan

Quelle: RP
 
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