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Hilden
Kundin abgelehnt – zu schwer für Fußpflege

Hilden: Kundin abgelehnt – zu schwer für Fußpflege
Bettina van t´Reve ist fassungslos. Dass sie als Kundin abgelehnt wird, empfinde sie als "bodenlose Unverschämtheit". FOTO: Olaf Staschik
Hilden. Bettina van t'Reve ist immer noch wie vor den Kopf geschlagen. Seit 15 Jahren ist die 46-Jährige Kundin bei einer Fußpflegerin in Hilden. Montag erhielt sie einen Anruf: Sie könne nicht weiter behandelt werden, weil sie zu schwer sei. Von Christoph Schmidt

Der elektrische Behandlungsstuhl könne nur 110 Kilogramm tragen. "Ich empfinde das als bodenlose Unverschämtheit und bin fassungslos", sagt die Hildenerin. Bislang sei ihr Gewicht - sie bringe mehr als 110 kg auf die Waage - kein Thema gewesen. "Es tut mir wirklich leid", bestätigt Gabriele Schneider, Mitinhabern des Kosmetik- und Fußpflegestudios den Anruf: "Frau t' Reve ist eine nette Kundin. Aber ich kann sie nicht weiter behandeln. Ein Fußpflegestuhl (Tragkraft 120 kg) ist mir schon wegen eines anderen schwergewichtigen Kunden kaputt gegangen. Ich habe nie damit gerechnet, dass so etwas mal passiert. Das ist mein Arbeitsgerät. Was soll ich denn machen?" Sie werde jetzt ein Hinweisschild anbringen und damit auf die begrenzte Tragkraft des Stuhls hinweisen. Sie habe noch einen zweiten Kunden, der ebenfalls zu schwer sei und den sie deshalb jetzt anrufen müsse: "Wenn ich eine andere Lösung hätte, würde ich das nicht tun." Der Behandlungsstuhl koste um die 2000 Euro. Sie könne nicht mal eben einen neuen Stuhl mit mehr Tragkraft anschaffen.

Bettina van t' Reve ist kein Einzelfall. Zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland sind übergewichtig, so das Robert-Koch-Institut. Ein Viertel der Erwachsenen (23 % der Männer und 24 % der Frauen) sei stark übergewichtig (adipös). Vor einigen Monaten waren 16 Feuerwehrleute und ein Gelenkmast-Fahrzeug eine Stunde lang in Heiligenhaus im Einsatz, um einen 180 kg schweren Mann aus dem 7. Stock eines Hochhauses zu holen. Es war kein Notfall: Der Mann hatte einen Arzt-Termin. "Der Transporttisch in einem üblichen Rettungswagen trägt Patienten bis 180 Kilogramm", erläutert Feuerwehr-Chef Hans-Peter Kremer: "Das ist unsere Grenze. Die erreichen wir acht bis zehn Mal im Jahr." Ist der Patient schwerer, muss sich die Wehr ein Spezialfahrzeug der Düsseldorfer Kollegen ausleihen. Das kann Patienten bis zu 250 kg Körpergewicht transportieren.

Auch das Hildener Krankenhaus hat sich inzwischen darauf eingestellt, dass viele Patienten schwerer geworden sind. Dank der Matthias-Brock-Stiftung wurden vor drei Jahren neue Operationstische für 280.000 Euro angeschafft: Drei haben eine Traglast bis 225 kg, der vierte sogar bis 360 kg. Übergewichtige tragen eine doppelte Last, hat ein Team der Uni Leipzig festgestellt. Weil sie Vorurteile und Ausgrenzung oft ein ganzes Leben lang begleiten. Aus Zwillingsstudien ist bekannt, dass Fettleibigkeit zu 40 bis 70% auf erbliche Faktoren zurückzuführen ist. Bislang sind 40 Genregionen bekannt, die für Adipositas verantwortlich sein sollen.

Quelle: RP
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