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Hamza El Halimi
"Meine Heimat ist Hilden und Marokko"

Hamza El Halimi: "Meine Heimat ist Hilden und Marokko"
Die Großeltern von Hamza El Halimi sind Ende der 1960er Jahre nach Deutschland gekommen. Der heute 23-Jährige wurde in Hilden geboren. Viele fragen ihn: "Wo kommst du her?". f Staschik FOTO: Ola
Hilden. Der 23-jährige Hildener ist seit einem Jahr Vorsitzender des Integrationsrates und studiert Politikwissenschaft in Bonn.

Was bedeutet für Sie persönlich Heimat?

El Halimi Wo ich mich am wohlsten fühle, wo ich meine Zukunft erleben und meine Kinder aufwachsen sehen möchte, da ist für mich Heimat. Hilden ist für mich Heimat.

Ihre Familien hat viele Wurzeln.

El Halimi Das ist richtig. Meine Großeltern stammen aus Marokko und sind Ende der 1960er Jahre nach Deutschland gekommen. Mein Vater ist in Marokko geboren und als Kind in Deutschland aufgewachsen, meine Mutter in den Niederlanden. Ich und meine Geschwister sind in Hilden geboren und aufgewachsen. Ich bin Deutscher, auch wenn man das nicht auf den ersten Blick sieht.

Ärgert oder verletzt es sie, nicht gleich als Deutscher wahrgenommen zu werden?

El Halimi Die Leute fragen: Wo kommst du her? Das ist für mich okay. Ich bin stolz auf meine marokkanischen Wurzeln. Ich fühle mich sowohl als Marokkaner wie auch als Deutscher. Beide Länder/Kulturen sind meine Heimat. Deshalb bin ich auch mindestens einmal im Jahr im Marokko. Da falle ich allerdings sofort als Ausländer auf - weil ich nicht so Arabisch/Berber spreche wie die Einheimischen.

Die Bundeskanzlerin hat gesagt: Beim Recht auf Asyl gibt es keine Obergrenze. Was denken Sie?

El Halimi Wir haben eine moralische Verpflichtung, Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für alle Länder. Ich weiß auch nicht, warum so viele Flüchtlinge nach Deutschland wollen. Bisher sind wir gut damit klar gekommen. In Hilden muss kein Flüchtling in einer Sporthalle schlafen. Die Frage ist aber: Wie lange können wir noch so viele Menschen auf einmal aufnehmen? Ich schätze, dass vielleicht 10 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, sich nicht auf das Recht auf Asyl berufen können. Ich habe mit Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak gesprochen. Die wollen ihre Heimat nicht wirklich verlassen. Ihnen bleibt aber nichts anderes übrig. Viele dieser Flüchtlinge sind gebildet. Sie wollen arbeiten und ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten. Das sollten wir, das sollte Deutschland als Chance sehen und nutzen.

Der Integrationsrat ist die politische Vertretung der Ausländer in Hilden. Was kann er, was muss er jetzt tun?

El Halimi Im Integrationsrat sind viele Mitglieder der internationalen Vereine in Hilden. Wir wollen versuchen, die Flüchtlinge aus der Isolation der Notunterkünfte herauszuholen. Da ist schon einiges geschehen. Die türkische und die marokkanische Moschee-Gemeinde sind sehr engagiert. Sie laden Flüchtlinge zu allen Festen, beispielsweise zum Fastenbrechen ein. Auch eine ganze Reihe von Sportvereinen geht auf die Flüchtlinge zu, macht Angebote, lädt sie zum Training ein.

Was wäre in Ihren Augen besonders vordringlich?

El Halimi Die Stadt/das Land versorgt die Flüchtlinge mit Unterkunft und Verpflegung. Wir sollten uns vorrangig um die syrischen, afghanischen und irakischen Bürgerkriegsflüchtlinge kümmern, weil abzusehen ist, dass sie bleiben dürfen. Wir müssen sie integrieren und zum Teil unserer Gesellschaft machen, wie jeder andere auch. Wenn diese Menschen die Notunterkünfte verlassen, endet damit auch die Betreuung der Stadt. Ich glaube, wir müssen unbedingt eine weitergehende Betreuung organisieren. Vielleicht mit ehrenamtlichen Betreuern oder Paten, die diese Menschen so lange begleiten, wie es nötig ist. Im November tritt der Integrationsrat das nächste Mal zusammen. Dann müssen wir über dieses Thema sprechen.

Wie wichtig ist das Beherrschen der deutschen Sprache?

El Halimi Ganz wichtig. Sie ist der Schlüssel für eine gelungene Integration. Meine Eltern haben mich als Kind in die arabische Schule geschickt, damit ich auch die Berbersprache und Arabisch lerne. Heute weiß ich, wie wichtig das war. Wenn ich in Marokko bin, spreche ich Marokkanisch - allerdings wie ein Ausländer. Das ist aber ganz wichtig, um sich zu Hause zu fühlen. Zu Hause haben wir Deutsch gesprochen und mit meiner Familie mütterlicherseits Niederländisch. In der Schule habe ich noch Englisch und Französisch gelernt.

Kommt man da durcheinander?

El Halimi Nein, wenn ich träume, dann nur auf Deutsch. Ich gebe zu: Als Kind habe ich manchmal wegen des Lernens gestöhnt, aber heute bin ich meinen Eltern sehr dankbar, dass wir so vielsprachig aufgewachsenen sind.

Leben Ihre Großeltern noch?

El Halimi Ja, in Hilden und in Utrecht. Sie sind nicht nach Marokko zurückgegangen, weil sie da sein wollen, wo ihre Kinder und Enkel sind. Auch das ist Heimat. Meine Großeltern sind sehr dankbar für die Chance, die sie bekommen haben, hier in Deutschland und in den Niederlanden leben zu dürfen.

Sie sind der Erste in ihrer Familie, der Abitur gemacht hat und jetzt studiert. Was bedeutet das für Sie?

El Halimi Meine Eltern haben immer hinter mir gestanden, auch wenn sie mich nicht so unterstützen konnten wie vielleicht deutsche Akademiker ihre Kinder. Ich durfte Abi machen, musste aber nicht. Es war für mich nicht leicht, aber ich habe mich durchgeboxt. Darauf bin ich stolz. Deutschland hat ein einzigartiges Bildungssystem, das jedem eine Chance gibt, wenn man sich anstrengt. Wer es nicht in Deutschland zum Abi oder zum Studium schafft, schafft es nirgendwo.

DIE FRAGEN STELLTE CHRISTOPH SCHMIDT.

Quelle: RP
 
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