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Auf Ein Wort Joachim Rönsch
Mücken werden mitgebucht

Hilden. Wer den Sommer haben will, muss auch die Mücken ertragen, sagt ein Sprichwort. Beides gehört zusammen. Ungetrübte Freude, reines Glück - das gibt es wohl nur in der Phantasie. Selbst das versprochene Urlaubsparadies, so die Erfahrung vieler Reisender, war am Ende gar keins. "Ich möchte Ihre Leser darauf hinweisen", schreibt eine Urlauberin an ein Reisemagazin, "dass die Luftfeuchtigkeit und die Sandflöhe meinen Traumurlaub in der Karibik zur Hölle gemacht haben.

Die hohe Luftfeuchtigkeit hat mir wahnsinnig zu schaffen gemacht. Schlimmer waren die Sandflöhe, die meine Füße bis zu den Waden hoch voll in Beschlag genommen haben. Davon ist leider in keinem Reiseführer die Rede." Nur allzu oft trügt die Idylle. Hinter bunten Fotos der Urlaubskataloge ist eine Wirklichkeit verborgen, die sticht und piekt. Andererseits: Wer realistisch genug ist, das Paradies nicht auf Erden zu suchen, der ist vor Enttäuschungen gefeit. Aus meiner Sicht schützt der Glaube vor irrealen Erwartungen.

Er zeigt auf, dass unsere Wirklichkeit nicht das Paradies ist. Sondern dass da so manche Mücken sitzen, kleine wie große, die einem dann und wann einen Stich versetzen. Christlicher Glaube ist Einübung in eine realistische Wirklichkeitssicht. Und wenn schon Mücken, dann kann man das ja auch mal anders sehen. "Weißt du wie viel Mücklein spielen / in der heißen Sonnenglut / wie viel Fischlein auch sich kühlen / in der hellen Wasserflut? / Gott der Herr rief sie mit Namen, /dass sie all ins Leben kamen.

" So heißt es in einem bekannten Kinderlied. Eine souveräne Sicht der Dinge, wie ich finde. Der Glaube weiß, dass die Wirklichkeit vielschichtiger ist als unser Wunsch nach ungestörter Idylle und Bequemlichkeit. Aber wir sollten angesichts der paar Mücken nicht den herrlichen Sommertag übersehen. Religiöser Glaube ist auch Proportionenlehre: er zeigt uns, was groß ist und was klein. Und dass man aus einer Mücke keinen Elefanten machen soll. Er lässt Raum für das, was uns gerade stört, weil möglicherweise darin eine Botschaft für uns verborgen ist.

"Herr, lehre mich unterscheiden", heißt es in einem Gebet, "was in meinem Leben zu groß ist, so dass es ruhig weniger werden darf. Und was so klein ist, dass es wachsen sollte." Und, so möchte ich ergänzen, lass mich den Sommer zusammen mit den Mücken ertragen.

Quelle: RP
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