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Hilden
Notarzt kommt erst bei zweitem Hilferuf

Hilden: Notarzt kommt erst bei zweitem Hilferuf
Horst Klewin war in großer Sorge um seine kranke Frau und wählte die 112. Bei seinem ersten Anruf schätzte die Kreisleitstelle die Lage falsch ein. FOTO: Ralph Matzerath
Hilden. Ein Hildener Senior hat um Hilfe für seine schwerkranke Frau gebeten. Doch erst beim zweitem Hilferuf ist der Notarzt gekommen. Der Kreisbrandmeister sagt: "Es gab ein Verständigungsproblem." Von Christoph Schmidt

Rosemarie Klewin ist schwer krank. Die 81-jährige Hildenerin war deshalb schon mehrfach in der Klinik. In der vergangenen Woche war sie zu Hause bei ihrem Mann. Eine Pflegerin unterstützt den 82-Jährigen bei der häuslichen Pflege. Doch an diesem Tag geht es seiner Frau immer schlechter. "Sie röchelte, war total verschleimt, saß apathisch auf einem Stuhl und konnte sich nicht mehr bewegen", beobachtet Nachbarin Hildegard Schmidt (70). Es ist gegen 19.30 Uhr, die Arztpraxen sind längst geschlossen. Horst Klewin wählt den Notruf 112 und bittet um einen Notarzt.

Der Disponent in der Kreisleitstelle stellt Fragen. Der 82-Jährige ist aufgeregt und in Sorge um seine Frau. Der Disponent kommt zu der Einschätzung, dass es sich um einen Fall für die Notfallpraxis der Kassenärzte handelt, die nach Praxisschluss Patienten betreuen. Er bittet Horst Klewin, die Nummer 116 117 anzurufen. Das tut der 81-Jährige - und landet in der Warteschleife. Die Notfallpraxis macht auch Hausbesuche, aber Klewin kommt einfach nicht durch. Hildegard Schmidt, gelernte Kinderkrankenschwester, bestärkt ihn, erneut den Notruf 112 zu wählen.

Er landet bei einem anderen Disponenten, der sich die ganze Geschichte noch einmal erzählen lässt. Klewin - "Mir geht es selber nicht sehr gut" - regt sich auf, ist verzweifelt. Hildegard Schmidt nimmt ihm den Hörer aus der Hand. "Ich bin ehemalige Kinderkrankenschwester und blöd bin ich auch nicht", wird die 70-Jährige laut: "Wir brauchen einen Notarzt - sofort." Der kommt wenig später, gibt Rosemarie Klewin Sauerstoff und lässt sie ins Krankenhaus bringen. Schmidt: "Ich habe den Notarzt gefragt. Es war wirklich ein Notfall."

Alle Telefonate über den Notruf 112 werden aufgezeichnet. Kreisbrandmeister Torsten Schams hat sich die beiden Gespräche angehört und sagt: "Der Sachverhalt ist nicht einfach. Der Disponent hat keinen Fehler gemacht. Es gab ein Verständigungsproblem. Der Disponent hat sich mit dem Anrufer wirklich beschäftigt. Herr Klewin ist beim ersten Gespräch aber nicht auf die Fragen des Disponenten eingegangen. Es ließ sich schwer erkennen, ob es sich um einen akuten Zustand handelt."

"Akut": Das ist für die Männer und Frauen in der Notrufzentrale in Mettmann das Schlüsselwort. "Wenn sich die Indikatoren A (Atmung), B (Bewusstsein) oder C (Cirkulation) rasch, also akut verschlechtern, spricht das für einen Notarzt-Einsatz", erläutert Schams. Die Disponenten in der Notrufzentrale seien besonders geschult. Sie sind Berufsfeuerwehrleute mit einer Zusatzausbildung zum Rettungsassistenten plus einer speziellen Leitstellen-Ausbildung. Doch 250 000 Anrufe gehen jedes Jahr in der Notrufzentrale des Kreises Mettmann ein, umgerechnet 680 pro Tag. "Es gibt immer mehr Bürger, die keinen Hausarzt haben und nichts von den Notfallpraxen wissen", berichtet der Kreisbrandmeister. "Die wählen dann den Notruf 112. Viele haben aber keine Indikation für den Notarzt, sondern sind ein Fall für die Notfallpraxen." Im Kreis stehen fünf Notärzte rund um die Uhr zur Verfügung, mehr nicht. "Wenn ein Notarzt im Einsatz ist, muss der Kollege aus dem Nachbarbezirk kommen", erläutert Schams: "Bei einem Herzstillstand etwa zählt jede Sekunde. Deshalb müssen wir unsere Ressourcen besonders sorgfältig einsetzen."

Träger des Notrufsystems ist der Kreis Mettmann (500 000 Einwohner). An fünf Feuerwachen im Kreisgebiet sind geleaste Notarzteinsatzfahrzeuge stationiert: in Hilden (zuständig für Hilden, Haan, Erkrath), in Langenfeld (Langenfeld, Monheim), in Mettmann (Mettmann, Wülfrath, Erkrath, Haan), in Ratingen (Ratingen, Mettmann, Heiligenhaus) und in Velbert (Velbert, Heiligenhaus, Wülfrath). Die Notärzte rücken 10 000 Mal pro Jahr aus.

Notärzte und Notfallpraxen haben unterschiedliche Aufgaben. Notärzte sind nur für lebensbedrohliche Situationen zuständig. Über ihren Einsatz entscheidet die Kreisleitstelle der Feuerwehr.

Notfallpraxen wie die im Facharztzentrum Mediplus in Hilden übernehmen, wenn die Kassenärzte Feierabend haben. In der Notfallpraxis (Telefon 02103 967373) gibt es (zu bestimmten Zeiten) einen Arzt im Sitz- und einen im Fahrdienst für Hausbesuche.

Quelle: RP
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