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Analyse
Notunterkunft blockiert Bau-Projekt

Analyse: Notunterkunft blockiert Bau-Projekt
Die frühere Albert-Schweitzer-Schule am Wiedenhof ist seit einigen Wochen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. FOTO: Olaf Staschik
Hilden. Wie lange die Albert-Schweitzer-Schule als Erstaufnahme-Einrichtung des Landes gebraucht wird, ist offen. Für den Grundstückseigentümer, die Stadt Hilden, und rund 160 Interessenten eine schwierige Situation. Sie hängen in der Luft. Von Christoph Schmidt

Das Schweitzer-Areal ist Hildens größtes und umstrittenstes Bauprojekt: Sage und schreibe sieben Jahre wurde über die Bebauung des Geländes der ehemaligen Albert-Schweitzer-Schule politisch gestritten. Bis zu 125 Wohnungen sollen dort entstehen. Die Stadt will das Gelände selbst vermarkten, damit dort "bezahlbare Wohnungen" entstehen. Wann das sein wird, das steht allerdings in den Sternen. Aktuell können nur sechs Grundstücke für Einfamilienhäuser entlang der Lindenstraße vermarktet werden. Die Schulgebäude dienen als Notunterkunft für Asylsuchende.

Eigentlich wollte die Bezirksregierung Arnsberg das Areal nur bis 15. Oktober belegen. Der Termin ist verstrichen, einen neuen gibt es nicht. Auch Sozialdezernent Reinhard Gatzke weiß nicht, wie lange das Land die Schweitzer-Schule als Erstaufnahme-Einrichtung für aktuell 270 Flüchtlinge braucht: "In anderen Städten ist von sechs Monaten Aufenthalt die Rede." Fest steht: Deutschland wird in diesem Jahr viel mehr Flüchtlinge aufnehmen müssen als ursprünglich geplant. Von 1 bis 1,5 Millionen Asylsuchenden ist die Rede. Wenn die Schweitzer-Schule nur bis Ende des Jahres als Notunterkunft gebraucht wird, sei der Zeitplan für die Vermarktung (2016 bis 2020) noch zu retten, glaubt Baudezernentin Rita Hoff. Wenn nicht, geraten die Bauwilligen in eine schwierige Situation. Der Stadtrat hat beschlossen: Die Stadt veräußert die Grundstücke selbst und erstellt auch die Infrastruktur (Straßen, Kanäle, Grünanlagen). Die Käufer werden verpflichtet, die Häuser mit Passivhausstandard zu bauen - ohne bestimmte Gebäudetypen oder Bauweisen vorzugeben. Die Grundstücke werden nur an Hildener zu einem festen Verkaufspreis auf Grundlage verbindlicher, für alle geltende Kriterien (Punktesystem) vergeben. Bevor es überhaupt losgehen kann, müssen zunächst die alten Schulgebäude abgerissen werden. Die Nachfrage ist groß, 147 Bürger, 18 Firmen und drei Initiativen für innovative Wohnformen haben sich beworben. Die potenziellen Erwerber müssen wissen, ob sie überhaupt zum Zuge kommen und dann gemeinsam mit Banken eine Finanzierung auf die Beine stellen. Das macht aber nur Sinn, wenn relativ sicher feststeht, wann die Bagger tatsächlich anrollen können. Die Zinsen scheinen aktuell auf einem historisch niedrigen Niveau zu verharren. Das gilt aber nicht für die Baupreise. Sie sind in einem Jahr (seit August 2014) um 1,6 Prozent gestiegen, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Und sie werden weiter steigen, weil die Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben dürfen, für eine zusätzliche Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt sorgen werden.

Auch die Stadt Hilden steht als Grundstückseigentümerin vor einem Dilemma. Hilden zählt zu den zehn teuersten Immobilienstandorten in Nordrhein-Westfalen, hat der Gutachterausschuss des Kreises erst kürzlich erneut für 2014 festgestellt. Für die sechs Grundstücke an der Lindenstraße verlangt der Stadtrat 400 Euro pro Quadratmeter. Das ist kein subventionierter Preis, sondern entspricht den aktuellen Bodenrichtwerten. Damit sollen knapp 30 Prozent öffentlich geförderte Wohnungen (von 85 geplanten Einheiten in Mehrfamilienhäusern) "quersubventioniert" werden. Das Problem für die Stadtväter und -mütter: Verlangen Sie für die anderen Grundstücke zu viel für Grund und Boden können keine preisgünstigen Wohnungen entstehen. Verlangen Sie zu wenig, ergibt das ein Minus in der Stadtkasse. Die Stadtverwaltung hat Aufwand und Einnahmen mit einer schwarzen "Null" kalkuliert. Je länger das Areal durch die Notunterkunft blockiert ist, um so hinfälliger wird diese Berechnung. 147 Bauwillige und 18 Bauträger haben sich für das Gelände beworben. Das ist zum Teil schon Jahre her. Wie viele von ihnen überhaupt noch ernsthaft interessiert sind, wird sich erst bei der Ausschreibung der Grundstücke zeigen.

Quelle: RP
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