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Hilden
Rätsel um Kriegstote bleiben ungelöst

Hilden. Der Haaner Manfred Kohl hat in intensiven Recherchen und vielen Gesprächen einige Ungereimtheiten über Tote am letzten Hildener Weltkriegstag aufgedeckt. Von Ralf Geraedts

"16. April 1945: Einmarsch der amerikanischen Truppen in Hilden. Es war ein Montag, ein schöner strahlender Tag", ist in der Chronik der katholischen Kirchengemeinde in Hilden vermerkt. "In den letzten Wochen schliefen auch die meisten Hildener wegen des heftigen Artilleriebeschusses von der linken Rheinseite, besonders in den Abend- und Nachtstunden, im Keller. Nun kommen sie. ,Gott sei Dank', sagte jeder nach all dem Furchtbaren, das wir erlebt, ist der Krieg für uns in Hilden beendet." Die Stadt sei kampflos übergeben worden, vermerkt der Chronist und fügt hinzu: "In der Meide freilich wurde auf Befehl eines angeblich betrunkenen Vorgesetzten örtlicher Widerstand geleistet und 17 deutsche Soldaten und mehrere Hildener, davon sieben unserer Pfarrkinder, gaben auch hier ihr Leben."

Da hat der Haaner Manfred Kohl, der seit vielen Jahren über das Kriegsgeschehen in der Region forscht, seine Zweifel. Er geht vielmehr davon aus, dass die Menschen ermordet wurden - von Mitgliedern der SS hingerichtet. Und dies auch nicht in der Meide, sondern nahe dem heutigen Hauptfriedhof.

Im Rahmen seiner intensiven Recherchen ist Kohl mit Werner Kappelmeier in Kontakt gekommen, dessen Vater unter den Opfern war. Nachdem seine Großmutter 1945 vom Tod des Sohnes informiert worden war und Erkennungszeichen, Soldbuch und Notizen erhalten hatte, traf sie sich mit dem in Solingen wohnenden Patenonkel des Sohnes in Hilden, wo sie mit Augenzeugen sprachen, "die die Erschießung von 17 Soldaten und zwei Krankenschwestern beobachtet haben", schrieb Kappelmeier schon 2008 an den früheren Bürgermeister Günter Scheib. "Diese Augenzeugen wollten die SS von ihrem Tun abhalten, begaben sich dadurch selbst in Gefahr, erschossen zu werden. Laut der Augenzeugen wurden die Soldaten in eine Grube getrieben und per Genickschuss ermordet." Vermutlich war diese Gruppe kurz vor ihrem Aufenthalt in Hilden aus einem Lazarett in Wuppertal entlassen worden.

Laut Augenzeugenberichten wurden die Toten in Decken gehüllt und in einem Feld direkt am Friedhof bestattet. Nach den Überlieferungen geschah die Tat bei einer Gaststätte in der Nähe des Friedhofes. Die heutige Turm-Apotheke war früher eine Gaststätte. Das Gelände grenzt an den Friedhof. Das Krachen der Schüsse dürfte wenig Aufsehen erregt haben, kann sich Manfred Kohl vorstellen, da in den letzten Kriegstagen starkes Artilleriefeuer herrschte und überall Munition verschossen wurde.

Die Auskünfte der Deutschen Dienststelle für Benachrichtigungen der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt) in Berlin bestärken Kohl in seiner Auffassung, dass die Hildener Geschichte eigentlich umgeschrieben werden müsste. Denn bei nur zwei von 23 Menschen, die am 16. und 17. April 1945 in der Itterstadt ihr Leben ließen, wird als Todesort "Hilden Meide" aufgeführt. Tatsächlich starben laut einem Zeitungsartikel zum 20. Jahrestag bei der einzigen Schießerei des Tages sechs Soldaten, ein siebter erlag drei Tage später den Folgen eines Bauchschusses.

Und es sind weitere Ungereimtheiten, die auch 70 Jahren nach diesen Tagen Rätsel aufgeben, die wohl auf ewig ungelöst bleiben. Im Jahrbuch von St. Jacobus gebe es Fehlerquellen, sagt Kohl. So seien im April 1945 Gefallene erst im Dezember erfasst worden. Und zudem klaffe eine Lücke von 70 Eintragungen.

Hinzu kommt, dass drei zivile Bombenopfer aus Urdenbach auf dem Heldenfriedhof in Hilden bestattet worden sind. "Das macht das ganze Chaos nicht gerade transparenter", findet Manfred Kohl. Er hat herausgefunden, dass Hedwig Kuhl und Tochter Margot sowie ihr Lebensgefährte Jörgen Hartkopf am 22. und 23. März 1945 starben. Sie verbrannten. Der Grabstein auf dem Hildener Friedhof trägt indes die Inschrift: "gefallen: 16. 4.1945".

"Es gibt keine Unterlagen, die die Vermutungen von Herrn Kohl bestätigen oder auch wahrscheinlich machen", merkte Stadtarchivar Dr. Wolfgang Antweiler schon 2008 an, als Kohl erstmals mit seinen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit trat. "Die Aussagen von Augenzeugen sind für Historiker keine sichere Quelle", erklärte der Archivar. "Man muss sich wohl damit abfinden, dass sich Ereignisse nach Jahrzehnten nicht mehr mit Sicherheit aufklären lassen."

Quelle: RP
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