| 15.31 Uhr

Haan
Schock in der Mittagsstunde

Düsseldorf. Auf einer Baustelle an der Beethovenstraße wurde gestern eine Fünf-Zentner-Bombe gefunden – in der Kiessand-Fracht, die aus Duisburg nach Haan transportiert wurde. 3000 Menschen wurden evakuiert. Bei vielen Älteren kamen Erinnerungen an die Bombennächte hoch. Von Stefanie Mergehenn

Gestern Mittag, kurz vor eins: Heidi Grünewald hat noch nicht ganz aufgegessen, als sie an die Tür gerufen wird. "Da stand ein Feuerwehrmann", wird die 73-Jährige später aufgeregt berichten. "Der sagte, Sie haben zehn Minuten Zeit, die wichtigsten Sachen zu packen. Wir müssen alle Häuser evakuieren." Der Grund ist eine fünf Zentner schwere, 25 Zentimeter breite und 50 Zentimeter lange Bombe, die auf einer Baustelle an der Beethovenstraße entdeckt wurde.

Erinnerungen an Oktober 1944

Und zwar nicht etwa bei Erdarbeiten, sondern auf dem Sattelschlepper eines Baustoffe-Transportunternehmens aus Essen, das 25 Tonnen Kiessand aus einer Grube in Duisburg geladen hatte. "Dort ist auch schon mal der Kampfmittelräumdienst gewesen", berichtet Unternehmens-Disponent Peter Ropertz auf RP-Anfrage. "Aber offenbar haben die nicht gründlich genug geguckt . . .". Immerhin waren im Oktober 1944 in einer Nacht 9000 Tonnen Bomben auf die Ruhr-Metropole niedergegangen.

Zur selben Zeit hat die damals in Hildesheim lebende Grünewald jede Nacht im Keller verbracht. "Meine Mutter hat mich und meine Geschwister irgendwann aufs Land geschickt, weil wir nicht mehr schlafen konnten", kommen bei der Seniorin, die seit 1974 in Haan lebt, viele Erinnerungen hoch. Ihr Garten grenzt direkt an die Baugrube, in der gerade der Keller für den Neubau ausgeschachtet worden ist.

Eine weitere Nachbarin musste "erst mal eine Beruhigungstablette nehmen", bevor sie sich von den Ordnungskräften ins Forum von St. Chrysanthus und Daria bringen ließ. Die Pfarrkirche hatte für die Anwohner, die nicht bei Verwandten oder Freunden unterkommen konnten, ihre Räume geöffnet. Dort haben gerade auch Anton Schneider (86) und seine Frau Marianne Platz genommen.

Die 84-Jährige sieht die Evakuierung eher positiv: "Endlich erleben wir auch mal was!" Geschnappt habe sie sich auf die Schnelle "nur ein Taschentuch und einen Zehn-Euro-Schein – falls wir in eine Wirtschaft gebracht werden." Doch der Service ist kostenlos: "Wir hätten Hackbraten mit Wirsing und Spätzle im Angebot", versucht Ordnungsamts-Mitarbeiter Dirk Schauff die insgesamt 50 Evakuierten etwas abzulenken. Und in der Forums-Küche haben DRK-Mitarbeiter gerade Kaffee aufgesetzt.

Derweil überwachen Polizei und Feuerwehr in einem Radius von rund 500 Metern die Absperrung. "Tut mir leid, Sie können hier nicht durch", hält ein Polizist eine junge Blondine zurück, die nach kurzer Erklärung panisch ihre Schwester anruft: "Heike, wo bist du? Ich wollte gerade zu dir – in eurer Straße wird eine Bombe entschärft." Doch das dauert: Der aus dem Ruhrgebiet georderte Kampfmittelräumdienst muss erst noch die Duisburger Kiesgrube anfahren, wo dem Vernehmen nach kurz nach Bekanntwerden des Haaner Fundes eine zweite Bombe entdeckt worden ist. Gegen 17 Uhr ist er endlich an der Beethovenstraße, um 40 Minuten später die hochexplosive Bombe vor Ort zu entschärfen.

"Was da hätte passieren können"

Jürgen Müller mag sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn der Lkw-Fahrer nach erfolgter Frachtverladung beherzt mit der Schüppe auf den Sand gehauen hätte. "Ich an seiner Stelle würde nicht mehr ruhig schlafen", bekennt der stellvertretende Leiter der Feuerwache. Einsatzleiter Wolfgang Flüchter hat unterdessen Besuch vom Bürgermeister bekommen: Knut vom Bovert will die Gefahrenzone selbst in Augenschein nehmen.

Wer die Kosten des Groß-Einsatzes übernimmt, ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Bauherr Manfred Gerken verweist auf die bauausführende Firma Amand in Ratingen: "Die dürften doch eine Betriebshaftpflicht für so etwas haben." Doch deren Bauleiter Hans-Peter Köntgen schiebt den schwarzen Peter an das Transportunternehmen beziehungsweise den Kiesgruben-Besitzer weiter: "Die Bombe kommt schließlich aus Duisburg."

Mehr Fotos www.rp-online.de/hilden.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Haan: Schock in der Mittagsstunde


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.