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Schuldenfallen: Mucki-Bude und Handy

Hilden: Schuldenfallen: Mucki-Bude und Handy
Schuldnerberater Hubert Bader, Geschäftsführer des katholischen Sozialdienstes (SKFM) Hilden. FOTO: Staschik Olaf
Hilden. 5400 Hildener sind überschuldet, im Kreis Mettmann rund 41.000 Bürger, so der SKFM Hilden. Von Christoph Schmidt

Ein durchtrainierter Body ist bei vielen jungen Leuten angesagt. Der Vertrag im Fitnessstudio ist schnell unterschrieben. So war es auch bei Tim (Name geändert). Nach drei Monaten hatte der 23-Jährige keine Lust mehr, sich mit schweren Gewichten zu quälen. Er ging einfach nicht mehr hin. Die Kosten liefen weiter. Denn Tim hatte einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben - der sich dazu auch noch automatisch verlängerte, weil er die Kündigungsfrist verpasst hatte. "Alle bis 25-Jährigen, die zu uns kommen, haben Schulden im Fitnessstudio", sagt Schuldnerberater Hubert Bader, Geschäftsführer des katholischen Sozialdienstes (SKFM) Hilden: "Das ist zurzeit echt Mode."

Gina (18) musste das coole Smartphone sofort haben - unbedingt: "Kostet doch nur einen Euro." Erst später hat sie gemerkt, dass das so wohl nicht stimmt. "Alle jungen Ratsuchenden haben Schulden bei Mobilfunkanbietern", berichtet Bader: "Viele junge Leute wissen nicht, was eine Unterschrift bedeutet. 80 Prozent lesen Allgemeine Geschäftsbedingungen praktisch nie. Das wird einfach ausgeblendet." Sind die ersten Schulden erst mal da, wachsen sie vielen schnell über den Kopf - weil sie mit dem Einkommen nicht auskommen. 5400 Hildener sind überschuldet, stellt die Schuldnerberatung in ihrem aktuellen Bericht (2015) fest. Das sind 9,67 Prozent - weniger als im Bundesdurchschnitt (9,92 Prozent). "Im Kreis Mettmann sind es etwa 41.000 Menschen", so Bader: "Das entspricht einer Zunahme von 1000 Fällen gegenüber 2014."

Aber auch immer mehr Ältere suchen Hilfe bei der Schuldnerberatung, beobachtet Bader: "Das ist ein bundesweiter Trend." Längere Zeiten von Arbeitslosigkeit, schlecht bezahlte Zeitverträge, gesundheitliche Handicaps: Das erhöht das Risiko, dass die Rente im Alter nicht zum Leben reicht. "Mittlerweile geben 40 Prozent der Deutschen an, dass sie monatlich nichts für die Altersvorsorge zurücklegen", sagt der Schuldnerberater: "Die Armutsrisikoschwelle liegt für Einpersonenhaushalte bei 917 Euro. 75 Prozent der einkommensarmen Haushalte geben an, unerwartete Verbindlichkeiten nicht bewältigen zu können. Da führt eine defekte Waschmaschine bereits in finanzielle Bedrängnis."

Aktuell sind etwa elf Prozent der Klienten 60 Jahre und älter. Doch die Zahl der Älteren wächst. Das werde sich auch bei der Schuldnerberatung niederschlagen, ist Bader überzeugt. 468 Personen oder Familien wurden 2015 in Hilden beraten. Die meisten (56 Prozent) hatten Schulden bis 25.000 Euro. Der einzige Ausweg sei in den meisten Fällen (114) nur noch das Verbraucherinsolvenzverfahren. "Es gibt Auflagen, die eingehalten werden müssen. Das kann jeder schaffen", sagt der Geschäftsführer. Seit 2014 gibt es die Möglichkeit, das Verfahren von sechs auf drei Jahre zu verkürzen. "Dafür müssen aber rund 50 Prozent der Schulden (35 Prozent der Forderungen einschließlich der Gebühren für den Insolvenzverwalter) beglichen werden", erläutert Bader: "Wir haben noch niemanden gehabt, der das geschafft hat."

Die Hildener Schuldnerberater setzen auf Vorbeugung. Im vergangenen Jahr haben sie 337 Schüler und Azubis zwischen zehn und 25 Jahren im Umgang mit Geld fit gemacht sowie 73 Fünf- bis Sechsjährige und deren Eltern (26).

Quelle: RP
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