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Hilden
Shakespeare in Jazz - Dichterworte gelungen in die Gegenwart geholt

Hilden. Die Belgierin Caroll Vanwelden eröffnete die 21. Hildener Jazztage im ausverkauften Kunstraum mit einem großartigen Shakespeare-Programm. Von Barbara Steingiesser

Was passt zur Eröffnung eines Jazzfestivals, das unter dem Motto "Body and Soul" steht? Eine Combo mit einer Sängerin, die Standards singt als Hommage an Billie Holiday? Oder ein Tenorsaxofonist, der Erinnerungen an Coleman Hawkins wachruft? Ja, das würde naheliegen. Peter Baumgärtner aber hat es anders gemacht. Dem künstlerischen Leiter der Hildener Jazztage gelingt es immer wieder, das Publikum mit ungewöhnlichen Ideen zu überraschen.

So hatte er für die traditionelle Eröffnungsveranstaltung bei den Brüdern Braun im Kunstraum Gewerbepark-Süd die belgische Sängerin und Pianistin Caroll Vanwelden mit ihrem Quartett ausgewählt, die Sonette von Shakespeare modern vertont hat. Dieses Programm passte nicht nur zum 400. Todestag des Dichters, sondern auch zum Jazztage-Motto "Body and Soul". Im Dreiklang der Songs mit den Neu-Übersetzungen von Hans-Werner Scharf und den Gemälden und Collagen von Harald Forst, die in der Ausstellung "Shakespeare - Sonette & Bilder" im Kunstraum zu sehen sind, ergibt sich ein sinnliches Kunsterlebnis, das "Body and Soul", Herz und Verstand berührt.

Was macht nur die Faszination dieser Gedichte aus, die auch mehr als 400 Jahre nach ihrer Entstehung noch Künstler dazu bringen, das - wie Vanwelden sagt - "Abenteuer" einzugehen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Übersetzer Scharf spricht von der "Verführungskraft" der Sonette, die man wiederum durch eine möglichst gelungene Übertragung umwirbt. Auch Vanwelden flirtet mit den Gedichten, wenn sie etwa das Sonett 150, das von der erotischen Zaubermacht der "Dark Lady" handelt, in einen leidenschaftlichen Bolero verwandelt, in dem sich ihre Stimme und Thomas Sifflings warmer Flügelhornton im sanften Rhythmus von Bass und Schlagzeug wiegen.

In Sonett 154 schließlich ist das Feuer der Liebe vollends entfacht. "Der kleine Liebesgott" hat das Herz im Schlaf entflammt. Passend dazu brennt Ralf Gustke am Schlagzeug ein polyrhythmisches Feuerwerk ab. Vanwelden rezitiert die ersten drei Strophen, bevor sie für die Kernaussage in den letzten zweieinhalb Versen ihre kraftvolle Gesangsstimme wie eine auflodernde Flamme triumphierend über alles erhebt.

So groß die Macht der Liebe in Shakespeares Sonetten auch ist: Einen scheinbar unbesiegbaren Feind hat sie: die Zeit. Mini Schulz macht ihr schmerzhaftes Einschneiden ins Leben durch Slides auf dem Kontrabass hörbar, die Beschleunigung der Drum-Rhythmen wirkt wie ein Zeitraffer. Einziges Rettungsmittel gegen die zerstörerische Kraft der Zeit wäre nach Shakespeare ein Wunder: seine Liebe durch die Kunst unsterblich machen zu können. Dass ihm das gelungen ist, wissen wir nach 400 Jahren. Caroll Vanwelden holt die Texte durch ihre Musik in die Gegenwart. Auch das ist ein kleines Wunder.

Quelle: RP
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