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Sprengmeister
Dieser Mann lässt es täglich krachen

Sprengmeister: Dieser Mann lässt es täglich krachen
Horst Müller (59, Name geändert, d. Red) ist einer von fünf Sprengmeistern im Wülfrather Kalksteinbruch von Lhoist. Sprengungen im Steinbruch sind kein Durcheinander, sondern Präzisionsarbeit. FOTO: Dirk Neubauer
Hilden. Die Urgewalt entlädt sich schrittweise. Erst steigt eine Rauchwolke auf. Plötzlich zerbröselt eine 20 Meter hohe Felswand. Als mit Verzögerung der Explosionsknall hörbar wird, ist die erste von drei Sprengungen an diesem Tag vollendet. 11.000 Tonnen Kalkstein warten auf den Abtransport. Zweimaliges Tröten bedeutet "Achtung!" und kündigt die nächsten beiden Explosionen an; auf den höher gelegenen Sohlen zeigt sich dasselbe Bild. Zumindest für den Laien. Horst Müller sieht feine Unterschiede: "Die letzte Explosion war nicht optimal. Wahrscheinlich ist eine Lage Sand hinter den Bohrlöchern. Die hat uns viel Energie genommen."

Der 59-Jährige ist Sprengmeister von Beruf. Ein Mister Dynamite? Jemand, der es jeden Tag ordentlich krachen lässt? Von wegen! Da steht ein bodenständiger Mann in großen Gummistiefeln im Matsch, trägt Warnweste mit Funkgerät am Revers und blickt mit wachen Augen durch die Schutzbrille. "Wir sind fünf Sprengmeister hier und befinden uns täglich im Gefahrenbereich." Jeder Fehler wäre tödlich.

"Deshalb darf keine Routine aufkommen. Das ist das erste, was ich als angehender Sprengmeister gelernt habe."

Vor 37 Jahren hat er hier im Steinbruch Flandersbach angefangen. Als Bohrist. Das sind die Mitarbeiter, die 13, 15, 18 Meter tiefe Löcher in den Kalkfels bohren, gerade so, wie es gebraucht wird und von den Sprengmeistern und Ingenieuren berechnet wurde. In den Löchern versenkt der Sprengmeister die explosive Mischung und deckt sie mit Steinmehl ab. Zehn Jahre lang sammelte er auf der Maschine mit dem Bohrgestänge Erfahrungen. "Das Bohrloch entscheidet zu 80 Prozent über den Erfolg einer Sprengung", sagt er. Langeweile ist etwas für Büromenschen. Dann fragte ihn sein Chef, ob er sich eine Ausbildung zum Sprengmeister vorstellen könne. Damals hieß die Firma noch Rheinische Kalksteinwerke. Das belgische Rohstoffunternehmen Lhoist übernahm das größte Kalkwerk Europas im Jahr 1993. Horst Müller zögerte nicht. "Das war ein logischer Schritt." Seither freut sich seine Frau noch mehr als zuvor, wenn er abends nach Hause kommt. Um den Befähigungsschein zum Sprengmeister machen zu dürfen, muss man mindestens 21 Jahre alt sein, ein tadelloses Führungszeugnis besitzen und bereits als Sprenghelfer gearbeitet haben. Der Respekt vor dem Sprengstoff ist eine Lebensversicherung. Der Humor hilft dabei, nicht zu verkrampfen: "Wissen sie, was die letzten Worte eines Sprengmeisters sind? Hallo, was ist denn das hier für ein Kabel..." In den Wülfrather Steinbrüchen Flandersbach und Silberberg wird jeden Werktag gesprengt. Immer um elf Uhr. Denn dann sitzen die Mitarbeiter der Tagschicht im Aufenthaltsraum beim Frühstück und laufen nicht unkontrolliert herum. "Und außerdem haben die Anwohner dann nur einmal am Tag den Krach." Darauf könne man sich einstellen.

Als Sprengmeister bewerben? Das wäre vergebens. "Wir suchen uns die Leute, die wir seit langen Jahren kennen", sagt Müller. Seit deutscher Industriesprengstoff bei Terroranschlägen in Spanien zündete, gelten hohe Sicherheitsauflagen. Das Bundeskriminalamt war zur Unterweisung in Wülfrath. Horst Müller ist deshalb ein erfundener Name. Nicht einmal entfernte Familienmitglieder und Bekannte wissen, wieviel Sprengstoff der Mann seit Jahren bewegt. Und "wenn ich im Urlaub nach meinem Beruf gefragt werde, sagte ich: Bäcker."

Quelle: RP
 
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