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Kirchenarchiv
Gruitener Glockengeläut für den Kaiser

Hilden. VON SABINE MAGUIRE

Du lieber Himmel, was war denn da los? Geschlagene zwei Wochen wurden in Gruiten die Glocken geläutet. Auch wenn es nicht rund um die Uhr gewesen sein dürfte, so hingen doch immerhin 70 Gruitener am Glockenseil. Und wofür das alles? "Es war für Kaiser Franz I. ", berichtet Lothar Weller von seinen Recherchen in den Gruitener Archiven. Darin lässt sich offenbar immer wieder Kurioses entdecken. Diesmal also Kaiser Franz! Und warum wurde dem Mann vor genau 250 Jahren eine solche Ehre zuteil? Schließlich gab es schon vor ihm den einen oder anderen Kaiser. Und es sollten ihm auch noch etliche nachfolgen, für die wohl im Dörfchen kaum jemand einen solchen Aufwand betrieben haben dürfte. Geschlagene zwei Wochen geläutet wurde in Gruiten bis dato jedenfalls für niemanden.

Obwohl: So genau kann man das ja nie wissen. Womöglich schlägt Lothar Weller irgendwann doch noch irgendwo ein altes Kirchenbuch auf und wir erfahren etwas, dass wir bislang noch nicht wussten. Was das Geläut für den am 18. August 1765 im Alter von knapp 58 Jahren verstorbenen Kaiser Franz betrifft, ist er sich jedoch ziemlich sicher: "Das werden die Gruitener wohl kaum aus freien Stücken, sondern nur auf Anweisung der weltlichen Obrigkeit betrieben haben."

Der Hobbyhistoriker war - wie schon so oft mal wieder in einem kleinen Büchlein - auf den kurzen Eintrag gestoßen. Bis auf ein paar fehlende Seiten ist darin alles gut erhalten. Fuhrdienste, Steuern, Abgaben: Jedes Detail wurde akribisch notiert. Und dazu gehörte eben auch das Glockengeläut für den guten Franz.

"Für jeden der 14 Tage sind jeweils fünf Namen von Häusern, Höfen oder Personen aufgelistet, was darauf schließen lässt, das die Glockenseile der beiden Gruitener Kirchen Tag für Tag von frischen, kräftigen Händen gezogen wurden", berichtet Lothar Weller. Ein ganzes Dorf war also auf den Beinen, um für das Seelenheil Eurer Majestät zu läuten. Dabei mag es von Vorteil gewesen sein, dass niemand so genau wusste, was der kaiserliche Franz zu Lebzeiten so alles getrieben hat. Da wäre zum einen ein gewisser Hang zum Spekulantentum - seine Finanzgeschäfte hatten den Kaiser zum mehrfachen Millionär gemacht. Herumgesprochen hatte sich jedoch längst auch sein Faible für schöne Frauen, denen der ehrwürdige Charmeur gern den Kopf verdreht haben soll. Von geheimen Soupers für seine "Favoritinnen" ist da die Rede - wobei Hochwürden auch vor Wildereien in fremden Revieren nicht zurückschreckte. So soll er sich mit der Ehefrau des Vizekanzlers ebenso vergnügt haben wie mit der Hofdame seiner Gattin. Der allerdings schienen die Gelüste ihres Angetrauten gehörig auf die Nerven gegangen zu sein, weshalb sich Franz fortan mit seiner außerehelichen Affäre zu einer gewissen Maria Wilhelmina von Auersperg begnügen musste.

Und für das Seelenheil dieses Hallodris wurden also in Gruiten zwei Wochen lang alle verfügbaren Glocken geläutet. Wie gut, dass man im Dörfchen nicht allzu viel wusste von den Irrungen und Wirrungen im fernen Österreich. Womöglich hat man auch einfach darüber hinweggesehen, weil man von den hohen Herrschaften nichts anderes gewohnt war. "Was außereheliche Liebschaften anging, spielten die Majestäten schon immer in einer anderen Liga", weiß auch Lothar Weller.

Übrigens: Auch andernorts wurden nach dem Tode von Kaiser Franz alle Glocken-Register gezogen. "Im märkischen Sauerland wurde sogar sechs Wochen geläutet." Vielerorts seien Trauerreden gehalten worden - und das monatelang. Bestattet wurde der Kaiser übrigens mehr oder weniger in Einzelteilen. Der Körper fand traditionsgemäß in der Wiener Kapuzinergruft seine letzte Ruhe. Das Herz wurde in der Herzgruft der Habsburger in der Lorettokappelle beigesetzt, weitere Organe in der Herzgruft des Wiener Stephansdoms. Und irgendwann kehrte dann auch in Gruiten endlich wieder Ruhe ein.

Übrigens: Am heutigen Donnerstag um 15 Uhr kommt der Stammtisch "Geschichte &Geschichten" im Elisabeth-Strub-Haus, Prälat-Marschall-Straße 58. zusammen. zum 400. Mal.

Quelle: RP
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