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Gruiten
"Sterbeurkunden" sind in Stein gemeißelt

Gruiten: "Sterbeurkunden" sind in Stein gemeißelt
Die Friedhofsmauer in Gruiten auf einem Archivbild des Jahres 1970. FOTO: Gruitener Archive
Gruiten. Die Grabsteine, die sich in der Kirchhofsmauer um den alten Nikolausturm befinden, haben ihren festen Platz dort erst vor 50 Jahren erhalten. Anlass war eine umfassende Wiederherstellung der damals schon viele Jahrhunderte alten und sehr brüchig gewordenen Mauer. Von Lothar Weller

Rund 70 Kubikmeter Mauerwerk wurden entfernt, etwa 240 Kubikmeter Erde ausgehoben und fast 100 Kubikmeter wieder verfüllt. Mit 87 Kubikmetern Beton und mehr als 16 Zentnern Stahl wurde die Mauer stabilisiert. 6 Tonnen Bruchsteine wurden angeliefert, rund 125 Quadratmeter der Mauer damit neu verblendet und weitere 46,5 Quadratmeter schadhaftes Bruchsteinmauerwerk ausgebessert. Insgesamt 60.000 Mark kostete damals das Projekt.

Die Grabplatten in der Mauer sind steinerne "Sterbeurkunden". Zwei Inschriften sind sogar älter als die früheste Aufzeichnung einer Beerdigung im ältesten Gruitener Kirchenbuch. Und das beginnt immerhin 1658. Als die Steine in die Mauer eingesetzt wurden, hatten sie schon rund 250 bis fast 350 Jahre unter Wind und Wetter gelitten; inzwischen sind weitere 50 Jahre hinzu gekommen. Die Oberflächen sind verwittert, die Texte auf ihnen schon lange nicht mehr vollständig zu erkennen. Aber wichtige Teile der Inschriften sind erhalten oder konnten unter Zuhilfenahme anderer Quellen rekonstruiert werden.

Auf dem ältesten Stein ganz links in der Mauer lautet der um die fehlenden Stellen ergänzte Text: Anno 1629 den 7. May starb die tugendsame Sophia Conradts im Winkel, eheliche Tochter und Adolf Heinesen [=Heinhausen] eheliche Hausfrau. Der Seele sei Gott gnädig. Hier fällt auf, dass Sophia nur mit ihrem Geburtsnamen genannt wird, obwohl sie verheiratet war. Dass auch Frauen nach der Hochzeit ihren ursprünglichen Namen behalten können, ist keine "Erfindung" des späten 20. Jahrhunderts, sondern war damals und noch lange Zeit danach ausnahmslos üblich, wie es zum Beispiel auch der mittlere, gut 100 Jahre jüngere Grabstein zeigt. Nur die Kinder bekamen den Namen des Vaters.

Der nächste Grabstein ist nur wenig jünger und stammt aus den 1630er Jahren. Die letzte Ziffer der Jahreszahl ist nicht mehr zu lesen. Bruchstücke des Textes sind durch ein altes Foto im Archiv Breidbach aus der Zeit, bevor der Stein in die Mauer gesetzt wurde, bekannt. Daraus ergibt sich sinngemäß folgende Inschrift: Anno 163.., den 11. November, des Morgens um zehn Uhr ist der ehrbahre und fromme Adolf ... entschlafen. Die Identität dieses Verstorbenen ist nicht eindeutig geklärt, weil der Nachname so gut wie vollständig verwittert ist.

Zwei Möglichkeiten bieten sich an: Adolf Heinhausen, den wir von dem etwas älteren Stein als Ehemann der Sophia Conradts kennen, wenn man nach dem Vornamen ein "H" als ersten Buchstaben des Nachnamens annimmt, oder Adolf im Bracken, der vier Jahrzehnte zuvor als Kirchmeister belegt ist, wenn man - wie ich - auf dem alten Foto des Steins nach dem Vornamen ein "IM" zu erkennen glaubt. Der mittlere, besonders aufwändig gestaltete Grabstein ist dagegen eindeutig dem Hof Heinhausen zuzuordnen, denn nach einem ebenfalls im Archiv Breidbach vorhandenen alten Foto lässt sich ein großer Teil der Inschrift rekonstruieren. Die linke Seite ist dem wohlachtbaren Henrich zu Heinhausen gewidmet, der im Alter von 56 Jahren im Herrn entschlafen ist, wie es auf dem Stein heißt. Auf der rechten Seite ist ein weiterer Name zu lesen: Sybilla Von Heerrnhauß Zu Heinhausen.

Henrich und Sybilla waren verheiratet und starben, wie aus Kirchenbucheinträgen bekannt ist, kurz nacheinander in den Jahren 1737 und 1738. Ihre Spur hat sich auch an einer anderen Stelle im Dorf erhalten: In den Giebelquerbalken des Offerhus', das nicht weit von der Mauer dem Doktorshaus gegenüber steht und seit 1731 ihr Altenteil war, haben sie ihre Namen einschlagen lassen.

Der vierte Grabstein ist ein Fragment, dem sich keine Personenangaben entlocken lassen. Auf ihm ist nur noch der Spruch gut zu lesen: Selig sind die Todten die in dem Herren sterben von Nun an Ja der Geist spricht daß sie ruhen von ihrer Arbeit den ihre werck folgen Ihnen nach. APOC. 14-V13.

Den fünften Grabstein ganz rechts in der Mauer hat Fritz Breidbach 1970 in seinem Buch "Gruiten" als den des Hermann Schlickum aus dem Bracken und seiner Ehefrau identifiziert. "Nur das Todesdatum des Mannes ist zu erkennen. Er starb am 10. Mai 1700. Am 30. Mai 1677 hatte er die Anna aus der Britbach bei Düssel geheiratet", schreibt er dazu.

Recht gut zu lesen sind noch die Sprüche: Ich liege und schlaffe gantz mit friede, denn allein du Herr hilffst mir, das ich sicher wohne. Psalm 4 und Dan die gerechten werden weggerafft vor d[em] Unglück und die richtig gewandelt [...] komen zum friede und ruhen in ihren kam[mern]. Esaia 57 V1.2.

Die aufwändigen Arbeiten an der alten Mauer haben überraschenderweise im Gedächtnis der Gruitener kaum Spuren hinterlassen. Und von der Baustelle ist in den Gruitener Archiven bisher nicht ein einziges Foto gefunden worden.

Wer sich noch erinnert oder gar Fotos von der Mauer vor, während oder nach der großen Wiederinstandsetzung hat, ist herzlich zum Gruitener Geschichtsstammtisch eingeladen (montags ab 15 Uhr im Predigthaus neben der reformierten "Kirche im Dorf"), kann sich aber auch telefonisch melden unter 02104 61375.

Quelle: RP
 
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