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Weihnachten Hören
Süßer die Glocken nie klingen

Weihnachten Hören: Süßer die Glocken nie klingen
Schellen sind ihm ebenso nah wie Kirchenglocken: Joel Puschinski ist in dieser Session auch Hildens Prinz Karneval. FOTO: Ralph Matzerath
Hilden. Joel Puschinski hat an den Weihnachtstagen besonders viel Arbeit. Der Küster von St. Konrad darf nicht aus dem Takt kommen. Von Gökçen Stenzel

Hilden Beinahe jede Zeit, so scheint es, hat ihr eigenes Läuten. Um 8 Uhr, zum Beispiel, ertönt das Angelus-Geläut, um 19 Uhr auch. Sonntags um 11 Uhr läuten drei der vier Glocken die Messe ein, das machen sie auch am Samstagabend, um den Sonntag anzukündigen. Gottesdienste an anderen Tagen bekommen nur das Läuten von zwei Glocken, ein Schulgottesdienst muss sich gar mit einer einzigen begnügen. Gottesdienst ist eben noch lange nicht Gottesdienst - was Weihnachten noch hörbarer ist als ohnehin schon.

Festliches Geläut an allen drei Tagen, süßer die Glocken nie klingen. "Da fahren wir das volle Programm": So nennt es der Mann, der dafür verantwortlich ist, dass jeder Laut zur rechten Zeit erklingt. Joel Benedikt Puschinski ist Küster von St. Konrad im Hildener Süden, und er kennt die Vorgaben für "seine" Glocken längst, würde sich selbst im Schlaf nicht an den Knöpfen vertun, die in der Sakristei aufgehängt sind.

Denn die Zeiten, in denen buckelige Glöckner an Strippen zogen, um die Gemeinde herbeizurufen, sind längst vorbei. Heute steht der Küster an Geräten, die Stromkästen ähnlich sehen, drückt auf die Knöpfe darin und setzt damit die entsprechenden Glocken hoch oben im Turm in Gang. Müsste Puschinski tatsächlich da hinauf, wäre er nicht der richtige Mann für den Job. Der 47-Jährige hat Höhenangst, über die sehr steile hölzerne Stiege zu den hüfthohen Glocken hat er es noch nie geschafft.

Oder fehlt etwa die Sportlichkeit? Kaum vorstellbar: Puschinski ist drahtig, hat in jungen Jahren den Beruf des Pferdewirts gelernt und Traber auf der Hamburger Rennbahn trainiert, bevor er auf Küster umsattelte und seine Ausbildung dazu in Aachen absolvierte. Seitdem bedeutet Weihnachten für ihn eins: Arbeit. Auch heute Abend wird er die Gewänder der Geistlichen und die Messbücher zurechtlegen sowie Brot und Wein vorbereiten, wird um 21.

35 Uhr die richtigen Knöpfe bedienen. Jeder Handgriff muss sitzen, keinesfalls darf er zwischen Sakristei und Kirchenraum aus dem Takt kommen. Die ursprüngliche Kirche St. Konrad wurde 1937 geweiht, ohne Glocken damals. "Der eigentliche Altar steht noch dem Eingang gegenüber", sagt Monika Buchmüller, die viele Jahre im Pfarrgemeinderat war und sich auskennt mit ihrer Kirche, "doch die heutige Kirche stammt aus dem Jahr 1964.

" Man geht davon aus, dass die Glocken aus dem selben Jahr stammen; Architekt beider Kirchenbauten war Heinrich Rotterdam. Der Ökumene-Kreis sorgte dafür, dass St. Konrad und die Evangelische Erlöserkirche gemeinsam den Hildener Süden "versorgten", die katholische Gemeinde hatte damals 6000 Glieder. Wichtig auch: "Die Töne der Glocken wurden eng aufeinander abgestimmt", erzählt Buchmüller. "Sie müssen einerseits harmonieren, andererseits aber unterscheidbar sein.

" Hört Küster Puschinski "seine" Glocken stets heraus? Er nickt. Schließlich ist Kirche zum zentralen Bestandteil seines Lebens geworden, ist eines von seinen drei großen Ks: Hinzu kommen Köln - dort ist er geboren - und der Karneval. Dem ist er so eng verbunden, dass er in dieser Session den Hildener Prinzen gibt. Er freut sich darauf, "weil der Karneval in Hilden Spaß macht, nicht vom Kommerz überdeckt wird.

" Frau Korn wird ihn dabei begleiten: Die Terrierdame ist seit acht Jahren die Frau an der Seite des Singles. Seine anderen Tiere bleiben lieber zu Hause. Thekla, die Kornnatter, und Miss Marple, die Vogelspinne, haben es nicht so mit dem Schellengeläut des Narren. Oder den Glocken des Küsters. Womit wir wieder bei Puschinskis Arbeit wären. Der erste Feiertag lässt ihm keine Luft, um selbst ans Feiern zu denken.

Die Gottesdienste samt Glockengeläut prägen Tag und Nacht. Am zweiten Feiertag wird er, wie in den Vorjahren auch, mit "dem Pfarrer essen". Gemeint ist Pfarrer Ulrich Hennes, der inzwischen nach Düsseldorf gewechselt ist. Der Rhythmus des Kirchenjahres prägt den Küster über Weihnachten und den Karneval hinaus. Seine Gedanken schweifen ab, die blauen Augen wandern, er denkt bereits an Ostern und an das Aussetzen des Geläuts Karfreitag.

Jede Zeit, so scheint es, hat ihr eigenes Läuten. Beinahe.

Quelle: RP
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