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Testkäufe: ernüchternde Bilanz

Hilden: Testkäufe: ernüchternde Bilanz
Bei Alkohol piept's – und die Kassiererin muss sich im Zweifelsfall den Ausweis der (hier gestellten) Kundschaft zeigen lassen. FOTO: archiv / staschik
Hilden. Ordnungs- und Jugendamt können's nicht fassen: Obwohl alle 60 Alkohol- und Tabakhändler vorab über die geplanten Testkäufe Jugendlicher informiert wurden, verstößt die Hälfte weiterhin gegen das Schutzgesetz. Von Stefanie Mergehenn

Aller guten Dinge sind drei? Von wegen: Auch bei der dritten Zwischenbilanz der seit Mai 2010 laufenden Alkohol- und Tabak-Testkäufe durch 14- bis 17-jährige Jugendliche verzeichnete Michael Siebert erneut eine Trefferquote von 50 Prozent. Waren es anfangs noch Erstaunen und Unverständnis, so kann der Ordnungsamtsleiter die Renitenz mancher Einzelhändler inzwischen nur noch mit "Ignoranz und Dummheit" kommentieren.

Sein Fazit: "Wir machen weiter" – auch wenn die allein in diesem Jahr eingenommenen Bußgelder (bislang 1500 Euro) den Personaleinsatz nicht decken würden.

Wiederholungstäter im Discounter

Vor allem ein großer Discounter zeichnete sich als Wiederholungstäter aus: "Drei Kontrollen, drei Treffer", berichtet Sieberts Kollege Martin Hillebrand kopfschüttelnd – und das trotz elektronischem Kassensystem. "Ausweiskontrolle", leuchtet im Display auf. "Doch offenbar können die Angestellten nicht rechnen." Und die aus diesem Anlass im vergangenen Jahr ausgegebenen Rechenscheiben (!) würden die Kontrolleure dann beispielsweise im Umkleideraum der Angestellten wiederfinden.

Was Roman Kaltenpoth noch mehr empört ist, dass "manche Händler nicht etwa schuldbewusst reagieren, sondern unsere Jugendlichen anschließend verbal angreifen". Ricky Thelen, sein Kollege von der Jugendförderung, berichtet von Situationen, wo der Ertappte ihm weismachen wollte, dass es sich bei dem jugendlichen Alkoholkäufer um einen Stammkunden handele.

Doch für die ehrenamtlichen Testkäufer legt Projektkoordinatorin Kerstin Holzapfel die Hand ins Feuer: "Die haben noch nie Alkohol erworben, sondern stehen voll hinter der Aktion." Im Gegenteil wären 14-Jährige bei den regelmäßigen Besprechungen "völlig fassungslos, dass ihnen Zigaretten oder Bier verkauft wurden, obwohl sie ihren Ausweis gezeigt hatten". Den Umtausch tätigen anschließend die begleitenden Kontrolleure von Jugend- und Ordnungsamt.

Auf die damit verbundenen Aspekte Prävention und Sanktion baut auch Hans-Jörg Becker, der Eltern, Lehrer und Trainer oder Vereinsleiter künftig stärker sensibilisieren möchte. "Viele wissen gar nicht, was die Kinder so alles konsumieren", hat der Präventionsbeauftragte der Suchthilfe SPE Mühle beobachtet. "Immer mehr, immer jünger", bringt Klaus Fitzner den teils "exzessiven Alkoholmissbrauch" Minderjähriger auf den Punkt: Der Kriminalhauptkommissar aus dem Bereich Prävention der Kreispolizei hat schon Zwölfjährige mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus einliefern lassen.

Erwachsene zunehmend ignorant

Für Thelen ist das Testkauf-Ergebnis auch ein Beleg zunehmender Ignoranz. Nicht nur der Händler: Als Spielplatzbetreuer erlebe er kaum, dass Erwachsene reagieren, wenn ein Teenager dort raucht oder trinkt. Das, findet der Jugendförderer, "muss gesellschaftlich stärker geächtet werden". Kommentar

(RP/rl)
 
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