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Hilden
Trauer um Wegbereiter des modernen Musikfilms

Hilden. Der Hildener Regisseur Hugo Niebeling ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Heute wird er auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Von Christoph Schmidt

Er war ein ganz Großer seiner Fachs. Sein experimenteller Kamera- und Schnittstil hat den Stil der modernen Musikvideo und Video-Clips entscheidend mitbeeinflusst. Das sagte die Jury des Hollywood Reel Independent Film Festivals - und zeichnete Hugo Niebeling im vergangenen Jahr für "artistic innovation" aus. Damit ist er in prominenter Gesellschaft. Gerard Depardieu, Tinto Brass, Frances Fisher oder Peter O'Toole wurde diese Ehre bereits ebenfalls zu teil. "Ich sehe den Preis als Auszeichnung für mein Lebenswerk", freute sich Niebeling über die späte Anerkennung seines Werkes auch in Amerika.

Der gebürtige Düsseldorfer wollte eigentlich Schauspieler werden. Sein großes Vorbild war Gustaf Gründgens. Vor seinen künstlerischen Projekten macht Hugo Niebeling Auftragsfilme. Für seinen Erstling, den Industriefilm "Stählerne Adern", erhielt er 1957 den Bundesfilmpreis in Gold. Sein vielschichtiges Brasilien-Feature "Alvorada" von 1962 wurde sogar für einen Oscar nominiert.

Der Regisseur aus Hilden hat die Bildsprache des Films revolutioniert. In den 1970er Jahren drehte Niebeling unter anderem mit Stardirigent Herbert von Karajan. Keine Konzerteinspielung der bis dahin üblichen Art. "Ich habe die Instrumente optisch erklingen lassen", erklärte Niebeling unserer Zeitung - durch Unschärfen, Überblendungen und Lichtregie. So etwas hatte das Publikum bis dahin noch nie gesehen. 2013 ehrte das Deutsche Museum in Berlin den Hildener mit einer Werkschau aus 14 Filmen. "Hugo Niebeling ist ein Autorenfilmer der ersten Stunde, ein Filmemacher, dessen Werke mit überkommenen Seh- und Gestaltungsweisen brachen und oft stilbildend den Wirtschafts- und Industrie-, Musik- und Ballettfilm prägten", wurde er im Programm gewürdigt. Er war präsent, auch mit weit über 80 Jahren.

Sein bekanntester Film ist die "Johannes-Passion". In der Karwoche ist er Jahr für Jahr auf vielen TV-Kanälen zu sehen. Laut Niebeling der einzige Passionsfilm, der in Deutschland gedreht wurde: die Passion Christi als antike Tragödie, inszeniert im leer geräumten Dom zu Speyer (katholisch) zu Bachs (protestantisch) gewaltiger Musik. Die Choreographien, den glatzköpfigen Jesus ("Ich wollte das Image vom schönen Jesus mit Locken sprengen"), die Rolle des Pilatus ("Er hat bei mir eine eigene Passion") - alles hatte sich Niebeling ausgedacht, alles hat seine tiefe Bedeutung, versteckte Bezüge, verbindet sich zu einem Gesamtkunstwerk, das die Zuschauer vielleicht nicht in allen Einzelheiten begreifen, aber das sie ergreift - bis heute. Kurios: Trotz seines Publikumserfolgs hat der Film nie einen Preis bekommen. Die Filmbewertung ließ die "Johannes-Passion" sogar glatt durchfallen. "Warum muss um Jesus herumgetanzt werden?", hieß es in der Begründung. Darüber musste Niebeling stets lachen.

Auch mit über 80 Jahren hatte der Regisseur noch künstlerische Pläne. Bachs "Chaconne" aus der Partita für Solovioline d-moll wollte er verfilmen. Und er wusste auch schon genau wo und wie: in der Urdenbacher Kämpe ("eine einmalig schöne Urlandschaft") und im Altenberger Dom ("junge Tänzer der Folkwang-Schule mit zehn Meter langen Flattergewändern rasen durch das Kirchenschiff").

Seine letzte Ruhe findet Hugo Niebeling auf dem Hildener Hauptfriedhof an der Kirchhofstraße. Die Beisetzung beginnt um 11.30 Uhr an der Kapelle.

Quelle: RP
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