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Helmut Weber, Landesvorsitzender des Nichtraucher-Schutzbundes
"Unser Ziel ist die rauchfreie Gesellschaft"

Hilden. Morgen ist der Welt-Nichtrauchertag. Am 20. Mai ist die neue EU-Tabakrichtlinie in Kraft getreten. Sie schreibt den Tabakkonzernen vor, Horror-Bilder von Raucherbeinen oder Krebsgeschwüren auf die Packungen aufzudrucken und verbietet Menthol im Tabak. Herr Dr. Weber, Sie müssen begeistert sein.

Weber Schockbilder sind lediglich ein bescheidener Anfang und bei weitem nicht das, was wir uns wünschen. Hauptsächlich werden wohl Kinder und Jugendliche davon abgehalten, mit dem Rauchen anzufangen.

Wie viele Mitstreiter haben Sie im Nichtraucher-Schutzbund NRW?

Weber Das sagen wir nicht, damit uns Gegner nicht einschätzen können. Nur so viel: Es sind zu wenige, die aktiv sind. Dreiviertel der Bevölkerung sind inzwischen Nichtraucher. Sie sind leider passiv, nehmen aber gerne die Vorteile der rauchfreien Luft an.

In Kneipen, Restaurants, Geschäften, öffentlichen Gebäuden und den meisten Firmen herrscht absolutes Rauchverbot. Reicht das nicht?

Weber Auf keinen Fall! In der Gastronomie darf übrigens noch in der Außengastronomie und bei geschlossenen Gesellschaften in Anwesenheit von Kindern geraucht werden. Wichtig ist ein umfassender und ausnahmsloser Nichtraucherschutz. Beispielsweise an Bushaltestellen, auf Balkonen, in Parks, in Privaträumen und Autos, sollten die Zuständigen dafür sorgen, dass Mitmenschen, vor dem Zwangsberauchen - früher Passivrauchen genannt - geschützt werden. Eigentlich sind die Schutzgesetze schon vorhanden. Sie werden nur nicht umgesetzt. Die Verantwortlichen in der Politik sehen den bis zu 380 tabakbedingten Todesfällen pro Tag in Deutschland praktisch tatenlos zu.

Was kritisieren Sie an der neuen EU-Tabakrichtlinie?

Weber Ich kritisiere in erster Linie die Bundesregierung. Bei uns wird beim Rauchen alles verzögert und verhindert, auch die Umsetzung des Rahmenabkommens der Weltgesundheitsorganisation. Das liegt an der erfolgreichen Lobbyarbeit der Tabak-Nikotindrogen-Industrie, wie wir sie bezeichnen. Der Lobbyismus, das Sponsoring und die Spendenpraxis müssen aufhören. Damit wird die Politik gegen die gesundheitlichen Interessen der Bevölkerung beeinflusst. Wir haben den Eindruck, dass in Deutschland diese Drogenindustrie praktisch mitregiert. In anderen Ländern gibt es bereits die Einheitspackung ohne Farben und Firmenlogos für Zigaretten. In vielen Ländern herrscht Werbeverbot und Australien hat die Tabaksteuer drastisch erhöht. Dort soll eine Packung Zigaretten zukünftig 27 Euro kosten. Bei uns werden ihr teilweise lange Übergangszeiten bei Maßnahmen zugebilligt. Das gilt beispielsweise für das Werbeverbot.

Was müsste passieren, um Rauchern die Lust am Nikotin zu nehmen?

Weber Die wirksamsten Maßnahmen sind: Rauch-und Werbeverbote und vor allem Preiserhöhungen. Es gibt Berechnungen der Universität Hamburg, wonach die Folgekosten des Tabakkonsums für die Allgemeinheit in Deutschland bei jährlich 80 Milliarden Euro liegen. Diese müsste die Tabak-Nikotindrogen-Industrie als Verursacherin bezahlen. Die Packung Zigaretten würde dann kostendeckend 43 Euro kosten, wie Experten berechnet haben. Die wirksamste Maßnahme auf dem Weg zur Tabakbeseitigung ist die drastische Anhebung der Preise.

Wenn das so käme, könnten sich nur noch Reiche den Nikotingenuss leisten. Nikotinabhängige Kleinverdiener oder Arbeitslose müssten sich ihre Drogen illegal besorgen, etwa indem sie auf steuerfreie Schmuggelware zurückgreifen.

Weber Kleinverdiener und Arbeitslose rauchen bekanntlich am meisten. Reiche wären vielleicht nicht so reich, wenn sie rauchen würden. Rauchen über Jahre kostet ein Vermögen. Uns liegt die Gesundheit aller Mitmenschen am Herzen, auch die der Raucherinnen und Raucher. Sie sind für uns Kranke und ohne erhobenen Zeigefinger Nikotiniker bzw. Süchtige, die Hilfe beim Ausstieg brauchen. Die Tabakindustrie muss die Kosten dafür bezahlen. Sie ist im Wesentlichen dafür verantwortlich, dass die Leute nikotinabhängig bzw. süchtig werden.

Viele Ex-Raucher beteuern, ihren Ausstieg aus der Nikotinsucht mit Hilfe von E-Zigaretten geschafft zu haben. Etwa zwei Millionen Dampfer soll es in Deutschland geben und viele von ihnen dampfen nikotinfreie Liquids. Jetzt soll auch für E-Zigaretten ein Werbeverbot gelten und die Aromate, die ihren Liquids beigemischt sind, etwa Menthol, stehen zur Disposition. Was sagen Sie dazu?

Weber Die Gesundheitsschädlichkeit der E-Zigarette steht im Raum und das zelebrierte Dampfen erzeugt eine Symbolik, die negativ ist. Sie verführt Kinder und Jugendliche ebenso wie das Rauchen im Fernsehen. Wer wirklich aufhören will, sollte ohne Nikotinpflaster auskommen und die Finger von den E-Zigaretten lassen. Über 80 Prozent der Ex-Raucher haben sich das Rauchen ohne Unterstützung abgewöhnt.

Was müsste denn passieren, damit Sie den Nichtraucher-Schutzbund auflösen und Ihr Pensionärs-Dasein genießen können?

Weber Unser Ziel ist die rauchfreie Gesellschaft und die Ächtung dieser Tabakdrogen. Erst, wenn niemand mehr raucht, Mitmenschen nicht mehr zwangsberaucht werden und keine Tabak- und Nikotindrogen mehr verfügbar sind, wird der Schutzbund überflüssig.

DIE FRAGEN STELLTE ILKA PLATZEK

Quelle: RP
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