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Claudia Ledzbor
"Wassergewöhnung ist Aufgabe der Eltern"

Claudia Ledzbor: "Wassergewöhnung ist Aufgabe der Eltern"
Bei den Schwimmfesten der Grundschulen können die Kinder zeigen, wie sicher sie im Wasser sind. Gutes Schwimmen kann lebensrettend sein, sagt Claudia Ledzbor. FOTO: Matzerath
Hilden. Jeder dritte Grundschüler in NRW kann nicht schwimmen. In Hilden können fast alle Viertklässler schwimmen. Warum?

Frau Ledzbor, Sie waren dieser Tage als Expertin zu einer öffentlichen Anhörung des Sportausschusses in den Landtag eingeladen. Warum?

Ledzbor Hilden war 2011 eine von fünf Beispiel-Kommunen in NRW, die das Schwimmen von Grundschulkindern förderte. Hinzu kommt, dass Hilden sich seit 2007 um das sichere Schwimmen kümmert. Dazu haben die Abgeordneten viele Fragen gestellt. Sie wollten vor allem wissen, wie unser Erfolgsrezept lautet.

Was haben Sie geantwortet?

Ledzbor 90 Prozent der Viertklässler in Hilden können schwimmen.

Woher wissen Sie das?

Ledzbor Wir befragen seit einigen Jahren regelmäßig alle Zweit- und alle Viertklässler, um ihre Fitness zu ermitteln. Dabei fragen wir auch nach der Schwimmfähigkeit: "Wie weit kannst du schwimmen?" Wenn die Kinder mehr als 200 Meter schwimmen können (Bronze-Abzeichen), können sie für uns sicher schwimmen. Sagen die Kinder nein, sind sie keine sicheren Schwimmer. Hinzu kommt ein Schwimmtest in allen dritten Klassen. Damit sind wir nun im vierten Jahr.

Was passiert mit Kindern, die nicht sicher schwimmen können?

Ledzbor Wir schreiben sie und ihre Eltern persönlich an und laden sie zu Schwimmförderkursen ein, die von der Stadt finanziert werden. Daneben stellen wir den Schulen Schwimmkräfte zur Verfügung. So kann ein differenzierter Schwimmunterricht durchgeführt werden.

Wie reagieren die Kinder und ihre Eltern?

Ledzbor Sehr positiv. Praktisch allen nehmen unser Angebot an. Zwischen 2012 und Ende 2015 konnten auf diese Weise knapp 440 Kinder an städtischen Kursen teilnehmen. Davon haben 400 das Schwimmen gelernt. Die übrigen 40 waren noch nicht so weit und haben weitere Schwimmkurse besucht. Bei uns verlässt kein Kind die städtischen Schwimmkurse ohne Seepferdchen-Abzeichen - es sei denn auf eigenen Wunsch. Darüber hinaus müssen die Kinder Übungen bestehen, die zur Erlangung der Sicherheit im Wasser beitragen. Danach werden die Kinder motiviert, ihre Schwimmfähigkeit in weiteren Kursen zu optimieren.

In anderen Städten ist der Anteil der Kinder, die nicht schwimmen können, viel höher. Was macht Hilden anders?

Ledzbor Wir setzen nicht erst in den Grundschulen, sondern bereits viel früher in den Kitas an. Um schwimmen zu lernen, müssen Kinder Erfahrungen mit Wasser sammeln. Da sind die Eltern gefragt. Deshalb sprechen wir Mütter und Väter in den Kindergärten an und geben ihnen Tipps, wie sie ihre Kinder an Wasser gewöhnen können.

Wie sieht das praktisch aus?

Ledzbor Papa und Mama geben Sicherheit. Sie können ihren Kindern zeigen: Duschen ohne Waschlappen vor den Augen ist nicht schlimm. Leg dich mal aufs Wasser: Es trägt dich. Zusammen durch Wasser waten: Es gibt da viele Übungen, mit denen Eltern ihren Kindern helfen können.

Gibt es Wassergewöhnungskurse?

Ledzbor Ja, alle acht städtischen Kitas (in Hilden gibt es 26) haben die Möglichkeit, mit unserer Hilfe im Jahr vor Beginn der Schule Wassergewöhnungskurse anzubieten. Im Schnitt nehmen pro Kindergartenjahr etwa 50 Schulanfänger daran teil. Die Resonanz bei den Eltern ist super. Manche haben keine Zeit, ihren Kindern das Schwimmen beizubringen, anderen fehlt das Geld oder sie sind alleinerziehend. Wir achten darauf, dass nur die Kinder teilnehmen, die das wirklich brauchen.

Dann müssten doch die meisten jüngeren Grundschüler schon schwimmen können?

Ledzbor Unsere Befragung zeigt: In der zweiten Klasse gibt es immer noch etwa 20 bis 25 Prozent Nichtschwimmer. Das hört sich viel an. Man muss aber bedenken: In den Hildener Schulen wird Schwimmen ab der zweiten Klasse unterrichtet. Beim Test der Viertklässler sinkt der Anteil der Nichtschwimmer auf unter zehn Prozent.

Wie schaffen Sie das?

Ledzbor Wir haben ein dichtes Netzwerk gebildet. Wir haben gut ausgebildete Schwimmlehrer an den Schulen. Wir haben viele Vereine, die sich ums Schwimmen kümmern. Die Stadt bezahlt zusätzliche Schwimmlehrkräfte, die die Schule unterstützten und sich speziell um unsichere Schwimmer kümmern. Und die Stadtwerke unterstützen uns vorbildlich, wenn es um Schwimmzeiten im Hildorado geht.

Spielen kulturelle Aspekte bei der Schwimmfähigkeit eine Rolle?

Ledzbor Wir können mit unseren seit 2006 gesammelten Daten eindeutig zeigen, dass Kinder aus Nordafrika, der Türkei und aus osteuropäischen Ländern öfter nicht oder schlecht schwimmen können. Das trifft auch auf Kinder aus deutschen Familien zu, die aus sozial und finanziell schlechter gestellten Familien kommen. Das Sportbüro hat gute Kontakte zum türkischen und zum marokkanischen Moscheeverein. Wir schreiben die Familien in deren Muttersprache an und machen sie auf Angebote aufmerksam.

Wie teuer ist das Schwimm-Programm für die Stadt Hilden?

Ledzbor Weniger als 10 000 Euro im Jahr. Das ist für uns übrigens nicht ausschließlich Sportförderung, sondern auch eine lebensrettende Maßnahme.

Was ist das beste Alter für Kinder, um Schwimmen zu lernen?

Ledzbor Vier bis fünf Jahre ist ein gutes Alter, davor ist es meist zu früh.

CHRISTOPH SCHMIDT STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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