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Kolumne Calm Down (4)
Wo das Getöse ausgesperrt bleibt

Hilden. Die Andacht dauert nur zehn Minuten. Doch sie bietet eine halbe Stunde Ruhe. Von Gökçen Stenzel

Hilden Es ist ruhig unter der hohen, gewölbten Kirchendecke. Kerzen zischen, Buchseiten rascheln. Ein paar Menschen sind eingekehrt zur Zehn-Minuten-Andacht in der Reformationskirche. Gleich wird sie beginnen in der Kirche, die so vieles zugleich ist: Hildens Wahrzeichen, Stein gewordene Geschichte der katholischen und später der evangelischen Gemeinde, Raum der Besinnung und der Begegnung.

Der Besucher begegnet Pfarrer Ole Hergarten, der soeben angeradelt kommt. Und Gemeindemitglied Walter Theymann, der gleich die Andacht halten wird, die sich heute um "das Licht im Advent" dreht. "Das ist das Konzept unserer kurzen Andachten im Advent", erklärt Hergarten: "Jeden Tag spricht ein anderes Mitglied der Gemeinde, ein Laie." Auch die Musik ist nicht all-täglich, denn sie wird an jedem Abend von anderen Musikern gespielt.

Jetzt sind es Annette Himenz und Miriam Bramer, die die Lieder auf ihren Geigen begleiten und sich sympathischerweise zunächst im ersten Lied vertun. Dann finden die Töne und die Texte aber doch noch zusammen - ein zartes Gebilde, ein Schweben ist es heute. Manchmal, hatte Hergarten gerade gesagt, kommen mehr als 50 Zuhörer zu den Andachten, "aber eher kurz vor Weihnachten, nicht in der ersten Adventszeit". Da muss es sich erst einmal herumsprechen, dass es sich lohnt, sich ein wenig Zeit zum Verschnaufen zu nehmen. Zur Besinnung. Ein Wort, das aus der Mode gekommen ist. Doch kommt jede Mode wieder.

Kaum zu glauben, dass draußen Kinder schreien, Musik zu laut dudelt, der Feierabend begossen wird und die Einkaufstüten gefüllt werden: Die Straßenszene ist von der kleinen, stillen Krippe nur durch die dicke Wand der Kirche getrennt.

Das Durchatmen lässt sich verlängern, wenn man ein wenig zu früh kommt und nach der Andacht und dem Musikstück einfach noch ein wenig sitzen bleibt. Die Kirche wird nicht sofort wieder abgeschlossen. Es gilt, die Gesangbücher erst wieder einzusammeln, zwei Nachbarn unterhalten sich noch halblaut, die Geigerinnen packen ihre Instrumente ein. Nichts tun, nichts bedenken, nichts planen: Die Adventsandachten sind an jedem Wochentag im Advent um 18 Uhr.

Unser "Calm down" ist eine Kolumne zum "Herunterfahren". Eigentlich sollten die Wochen vor Weihnachten der Entspannung und Erwartung dienen. In Wahrheit geraten sie schnell zu einer stressbeladenen, atemlosen Zeit.

Quelle: RP
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