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Rp-Serie Sie Zogen In Die Welt Hinaus - Teil 15
Boule als Kontrast zum Fußball

Rp-Serie Sie Zogen In Die Welt Hinaus - Teil 15: Boule als Kontrast zum Fußball
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Erkelenz. Obwohl Rainer Kalb (62), in Erkelenz geboren und in Doveren aufgewachsen, nach eigenem Bekunden "nie eine Sportskanone war", hat er sich als Journalist in der europäischen Fußballszene einen anerkannten Namen gemacht. Von Hans Groob

Obwohl inzwischen schon wieder drei Monats-Kalenderblätter Vergangenheit sind, wird speziell die erste Juli-Woche 2016 für Rainer Kalb, den gebürtigen Erkelenzer, der am 29. Mai 1954 im Hermann-Josef-Krankenhaus das Licht der Welt erblickte, dann aber im Hückelhovener Stadtteil Doveren aufgewachsen ist, emotional nachhaltig bleiben. Die Gründe dafür sind im privaten wie im beruflichen Bereich angesiedelt, haben mit Herz und Heimat zu tun.

Seit nunmehr 13 Jahren lebt "René Veau", der als RP-ausgebildeter Sportredakteur unter diesem Pseudonym auch für französische und schweizer Journale tätig war, in Remy la Varenne an der Loire - zwischen Angers und Saumur und dort zwischen Schlössern und Weinbergen gelegen, der Heimat seiner Ehefrau Catherine. Am 7. Juli war sein "Sportherz" gespalten, musste der französische Teil über die 0:2-Halbfinalniederlage der deutschen Fußballnationalelf bei der Europameisterschaft gegen die Turniergastgeber hinweghelfen. Richtig weh tat es allerdings drei Tage später, als "Le Bleus" der sicher eingeplante Titel unerwartet von den Portugiesen weggeschnappt wurde. "Das sind Geschichten, die der Sport immer wieder schreibt", resümierte der international erfahrene und anerkannte Journalist mit Fußball als Spezialgebiet. Passende Gelegenheit, bei einem Glas Anjou-Rotwein sein deutsch-französisch geprägtes Leben Revue passieren zu lassen.

Der Kontakt zum 750 Kilometer entfernten Doveren war und ist Rainer Kalb - egal von welchem seiner beruflich bedingten Domizile auch immer - in erster Linie wegen seiner inzwischen 90-jährigen Mutter Hildegard "natürlich ganz wichtig". Aber auch wegen der Erinnerung, die tief verbunden ist mit der ehemaligen Zeche Sophia-Jacoba in Hückelhoven, wo der mit 50 Jahren 1976 viel zu früh verstorbene Vater Gernot Kalb als Fahrsteiger tätig war. Zweimal war auch Rainer 800 Meter tief unter Tage: "Als das Bergwerk 1997 nach 83 Jahren stillgelegt wurde, hatte ich Tränen in den Augen." Der St.-Barbara-Tag am 4. Dezember ist deshalb auch in der Ferne ein Ehrentag, "an dem ich mit einem Glückauf einen Klaren trinke".

Das beschauliche Doveren im Rurtal - dem ohne "h" - bot den Kalbs, zu denen auch der fünf Jahre jüngere Bruder Rolf gehört, eine großartige Kindheit, die nach der Grundschule, die heute Johann-Holzapfel-Schule heißt, viele Spielmöglichkeiten in freier Natur bot. Im Winter animierte hügeliges Gelände zu mutigen Schlittenfahrten, ansonsten waren Doverener Bach, der vom Kühlerhof floss, oder Doverhahner Bach Abenteuerorte mit geradezu magnetischer Wirkung, "wo es aber immer darauf ankam, nur nicht reinzufallen".

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Der Ernst des Lebens begann für Rainer dann mit dem Wechsel zum Jungen-Gymnasium (heute Cusanus-Gymnasium) nach Erkelenz, wo es eigentlich richtig gut lief, allerdings 1972 - auf den Höhepunkt zustrebend - bitterernst wurde, da Oberstudiendirektor Karl-Heinz Weltermann ("Habt ihr Drogen genommen?") der Klasse die Zulassung zum Abitur verweigerte. Davon bekam die Lokalredaktion der RP Wind und veröffentlichte eine Exklusivmeldung. Diese wollte der Doverener Junge als Klassensprecher jedoch nicht unkommentiert lassen, nahm Kontakt zur Redaktion auf, um zu erklären, "warum unser bester Handballer zielgenau Schwämme neben den Kopf der Deutschlehrerin platziert hatte". Zusammengefasst: Die 1972er haben das Reifezeugnis in der Tasche - und Rainer Kalb hatte durch den Kontakt zur Zeitung eine berufliche Richtung eingeschlagen, die er bis dahin "nie für möglich gehalten hätte". Sein erster Artikel sollte eine Beitragserhöhung bei der AOK Erkelenz beschreiben: "Sollte, denn mein Erlebnisaufsatz wurde vom Redaktionsleiter journalistisch total umgekrempelt." Was blieb, waren 18 Pfennig Zeilenhonorar - und erstmalig die Autorenzeile "Von Rainer Kalb". Die nächsten Jahre waren eine Kombination aus Germanistik- und Philosophie-Studium an der RWTH Aachen und freier (Wochenend-)Mitarbeit in den RP-Redaktionen in Erkelenz und Mönchengladbach, wobei der Sport das Hauptbetätigungsfeld wurde. Auch in der Studienzeit an der Sorbonne in Paris (1976/77), wo er in der Mensa übrigens Catherine kennenlernte ("Kaum zu glauben, auch schon vier Jahrzehnte her"), die Besuche in Doveren aber weiterhin journalistisch ausfüllte. Das waren in der Redaktion dann immer kulinarische Festtage - von Mutter Hildegard Kalbs Kuchen schwärmen noch heute alte Mitarbeiter. Nachdem ihr Sohn die Magisterarbeit über Hauptmann und den Naturalismus in Deutschland zu Papier gebracht hatte, war der Weg für Rainer in den Sportjournalismus geebnet mit dem Volontariat (1979) in der RP-Zentrale in Düsseldorf und in der Redaktion Mönchengladbach. Für Borussia Mönchengladbach lebte die Begeisterung zwar schon immer, "jetzt aber war ich hautnah dabei". Europapokalspiele in Stavanger und St. Etienne waren die ersten großen Sportreisen. Und in diesen internetlosen Zeiten war die Reportertätigkeit noch knallharte Telefonarbeit. Vor allen Dingen eine Art Verdrängungswettbewerb, weil Borussenfans die Redaktionsleitungen wegen der Frage nach dem Ergebnis viel zu oft dramatisch blockierten - "heutzutage unvorstellbar". Der Virus Fußball hatte Rainer Kalb richtig infiziert, der Wechsel zum Fachblatt Kicker nach Nürnberg (1980-1986) die folgerichtige Entscheidung, der Weg in die Selbstständigkeit (1987-2003) und der damit verbundene Umzug nach München bestimmt ein Risiko. Er selbst stuft es im Rückblick als "kalkulierbar" ein, weil er Aufträge von Europas größter Sport-Nachrichtenagentur SID bekam, Texte an Sport-Bild, für die TZ in München, L'Equipe und France Football, die Deutsche Fußball-Liga, auch für die DFB-Stiftungen Egidius Braun und Sepp Herberger lieferte und teils immer noch liefert.

Anekdoten aus den vielen Jahren im engsten Fußballzirkel mit DFB-Verbandsberichterstattung, der Bundesliga oder als WM- und EM-Reporter (von 1982 bis 2008) sind eine wahre Schatzgrube. Zu den Anfängen des Privatradios (Mitte der 1980er) sollte Rainer Kalb im Trainingslager in der Sportschule Kaiserau Teamchef Franz Beckenbauer interviewen, der die Anfrage jedoch verbal abwimmelte: "Geh, schleich Di mit Deinem Kasperl-Sender". Unten den Ohrenzeugen waren das schnell typische geflügelte Wort des "Kaisers". Michel Platini wurde von Rainer Kalb - natürlich in akzentfreiem Französisch - nach dem Gehalt als UEFA-Präsident befragt. Dessen Antwort war eine typische Volte: "Mehr als in meinem ersten Profijahr bei St. Etienne".

1995 in Tiflis/Georgien trottete Kalb neben Bundestrainer Berti Vogts aus der Pressekonferenz, "da raunte er mir zu: ,Ich würde eine Herrlich-Geschichte machen'". Also machte Kalb diese für den Sportinformationsdienst (SID). Hochaktuell, denn tags drauf am 29. März debütierte Herrlich in der Nationalelf: "Mann, war die Konkurrenz (Bild, dpa, FAZ, Süddeutsche) da sauer." Interessant auch die vielfachen Zusammentreffen mit Meistertrainer Jupp Heynckes, dem auch mancher Kommentar aus der Feder Rainer Kalbs nicht schmeckte: "Sie haben doch keine Ahnung vom Fußball", konterte "raka" selbstbewusst: "Stimmt. Hätte ich Ahnung, dann wäre ich Trainer geworden und kein Journalist, dann würde ich aber auch so viel verdienen wie Sie."

Vielleicht hatte der Triple-Trainerstar sich ja auch über den Doverener schlau gemacht, denn eine Sportskanone war er nie, was er aber auch nie verhehlte: "Als wir im Gymnasium mal Hochsprung üben sollten und das Seilchen auf 1,25 Meter gehängt wurde (Latten gab es damals nicht), sagte ein Klassenkamerad zu mir: ,Für die Höhe nimmt der normale Mitteleuropäer eine Leiter.' Ich konnte ihm nur zustimmen." Im Tennisclub Schwarz-Weiß Hückelhoven hieß es bei Rainers Aufschlagspielen immer nur: "Einwurf Kalb". Dennoch ist er einmal Hückelhovener Junioren-Stadtmeister im Mixed geworden, "aber das lag nur an meiner Partnerin Iris Freiboth. Die hatte aus dem Mixed quasi ein Einzel gemacht."

Heute ist "Boule de Fort" Rainer Kalbs Haussport im Val de Loire, und er umschreibt es als "Entdeckung der Entschleunigung". An der Loire, dem mit 1004 Kilometer längsten Fluß Frankreichs zu leben (etwa in Höhe Kilometer 800), ist gleichbedeutend mit der Einlösung eines frühen Versprechens an Ehefrau Catherine, "mit 50 in ihrer Heimat zu leben, schließlich hat sie mir zuliebe 24 Jahre darauf verzichtet". Ein Jahr vor dem "Treuetermin" war der Umzug in das 1000-Einwohner-Dorf Remy la Varenne vollzogen - "also zurück zu den Wurzeln". Das Leben in einem geräumigen Tuffstein-Maison aus dem Ende des 19. Jahrhunderts war auch deshalb einzurichten, weil journalistische Arbeit dank modernster Informationstechnik weiterhin möglich ist. Wenn auch mit Rücksicht auf die Gesundheit nicht mehr so oft in vorderster Front - sprich vor Ort. "Wie bei der jüngsten Fußball-EM, die man auch als Großes und Ganzes beobachten und kommentierend begleiten kann", weiß ein gestandener Fußballexperte, der sich in vielen Jahren in Deutschland und Frankreich ein vertrauensvolles Netzwerk aufgebaut hat. Dazu gehört auch ein in die Jahre gekommenes, abgegriffenes Telefonbüchlein mit unzähligen Geheimnummern von echten und vermeintlichen Hauptdarstellern der Fußballszene.

Wie Rainer Kalb auf diesen "Info-Schatz" nicht verzichten kann, so bedeutend ist für ihn der stete Kontakt nach Doveren, wo ihn seine Mutter mit Aktuellem aus dem Erkelenzer Land erfreut - seit fast 50 Jahren als RP-Abonnentin.

Quelle: RP
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