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Mönchengladbach
Das Leben in der Mühle vergisst man nie

Mönchengladbach: Das Leben in der Mühle vergisst man nie
Die Wackersmühle mit (v.l.) Opa Anton Wackers, Mühlenknechte und Ralfs Mutter (auf der Treppe). FOTO: Dichans
Mönchengladbach. Der frühere Gladbacher Lehrer Ralf Dichans hat die vor 600 Jahren entstandene Wackersmühle in Hückelhoven-Baal restauriert. Von Willi Spichartz

Er braucht Platz im und ums Haus, viele Zimmer und Gelände drumherum - das hatte er in Kindertagen in der Baaler Mittelmühle, die auch den Namen seines Großvaters mütterlicherseits trug, die Wackersmühle. Heute lebt er im geräumigen Haus in Beeckerheide in Wegberg, hat eigenes Gelände drumherum, aber noch viel mehr nichteigenes Gelände in Form von Gärten, Waldstücken und Feld drumherum: Ralf Dichans, 67 Jahre, pensionierter Oberstudienrat, weiß, dass ihn die Lebens- und Wohnsituation im Dreigenerationenhaus Wackersmühle auch heute noch prägt. Und er ist immer noch Eigentümer der schon vor 1416 entstandenen Wassermühle am Baaler Bach, die deshalb Mittelmühle heißt, weil die Ohligsmühle sich vorher, die Pletschmühle sich hinterher der Antriebskraft des von Lövenich kommenden kleinen Fließgewässers bedient.

Das Kleinödchen: Die Bausubstanz der heutigen Wackersmühle stammt aus dem 19. Jahrhundert. FOTO: Renate Resch

Überhaupt zeigt sich der Rur-Raum reich bestückt mit Wassermühlen, allein im Hückelhovener Stadtgebiet zählte man 21 Exemplare dieser wohl ältesten mechanischen Kraftmaschine. Wobei die Rur selbst praktisch keine Wasserräder antreibt - die von der Rurterrasse herunter strebenden Bäche bilden die antreibenden Kräfte für die Mahlsteine. Wie in der Landwirtschaft bilden auch die Wassermühlen Betriebs- und Wohnort zugleich - und Ralf Dichans spürt noch heute die Vibrationen, die Wasserrad, Kammräder, Wellen und Mühlstein in ihrer festen Verbindung zu den Mauern des Betriebs- und des daran angeschlossenen Wohngebäudes per Rotation generieren. Vom frühen Morgen bis weit in den Abend lief der Mühlenbetrieb von Dichans' Großvater Anton Wackers und seinen Mitarbeitern, früher Mühlenknechte genannt, 1947 stellte er den Betrieb von Wasserkraft auf Elektrizität um, 16 Jahre später hatten die Großmühlenbetriebe in Neuss und Köln auch ihm wie fast allen anderen Kleinmühlen den Garaus gemacht. Anton Wackers hatte damit auch sein Arbeitsleben in Richtung Rentner beendet.

Ralf Dichans (67) vor seiner Wackersmühle in Hückelhoven-Baal. Er ist heute noch Eigentümer der vor 1416 entstandenen Wassermühle am Baaler Bach. FOTO: Renate Resch

Die Bausubstanz der heutigen Wackersmühle stammt aus dem 19. Jahrhundert, sie ist für Ralf Dichans ein "Kleinödchen" auf rund 4000 Quadratmetern Grund, das er nach dem Tod der Großeltern und der Eltern restaurieren musste, um es auch für seine beiden Kinder zu erhalten. Ein Verkauf kommt für ihn nicht in Frage, er hat Mieter gefunden, für die die Wackersmühle ebenfalls ein Kleinod ist, bestens geeignet für die drei Kinder, Federvieh gackert zufrieden, plustert sich. Erinnerungen auch für den Mühleneigner an die Betriebs- und Wohngebäude als Spiel-Stätten in großer Vielfalt seiner Kindheit und Jugend, bis mit 13 Jahren entdeckt wurde, dass der Kleine mit den Füßen schneller unterwegs war als fast alle anderen. Schließlich wurde er mit 10,7 Sekunden über 100 Meter, auf einer Aschenbahn, der schnellste Mann des Kreises und darüber hinaus (nach dem etwas älteren Hilfarther Helmut Feldges, der 10,4 Sekunden schaffte). Training und, erfolgreiche, Wettbewerbe nahmen für Jahre die Freizeit in Anspruch.

Aber bis dahin war die Mühle Abenteuerspielplatz pur ohne Netz und doppelten Boden, erinnert sich Ralf Dichans auch für seine Freunde: "Wir haben im laufenden Betrieb drinnen gespielt, wir hätten leicht von Kammrädern oder Wellen mitgezogen und zerquetscht werden können. Unvergessen bleibt als Spielort auch der Schacht des Wasserrads. Inspiriert wurden wir von Abenteuer-Heftchen, 'Sigurd' war eins davon, in dem Geheimgänge eine Rolle spielten. Wir haben mit den Pickhämmern zum Profilieren der Mühlsteine eine Wand durchbrochen, um unseren Geheimgang zu schaffen, die Öffnung haben wir mit Kisten zugestellt, damit Opa Anton oder die anderen das nicht gesehen haben. Wir sind aufs Dach geklettert, haben den Mühlenbach gestaut und sind mit dem Boot in Richtung Pletschmühle gefahren." Opa Anton Wackers, der auch Obermeister der Müller-Innung war, hatte große Landwirts-Kunden u.a. vom Gut Kippingen bei Rurich, einer der allerersten Traktor-Eigner der Region. Ralf Dichans durfte auf dem Schutzblech-Sitz bis zum Baaler Ortsende mittuckern, ein Privileg geboren aus der Heimstatt Wackersmühle. Und die war auch ein Ort und ein Hort der Musik - Klavier und Hausorgel hatte Vater Willi Dichans, er spielte Tanzmusik in einer nach ihm benannten Kapelle, auch Ralfs erste Elektro-Gitarre für "Shadows"-Stücke in der 1960er Jahren hatte Raum in der Mittelmühle. Die Instrumente schaffen heute in Beeckerheide zusätzliche Erinnerung an die auch musikalischen Wurzeln in der Mühle, Gitarren sind danach noch etliche dazugekommen, und nicht nur die, und alles wird gern und oft gespielt.

Und Baal bedeutet auch seit 1848 Eisenbahn, da wurde der Bau der Strecke Aachen-Mönchengladbach begonnen, ab 1908 kam die Strecke Jülich-Dalheim dazu mit einem Zweig auf die Strecke nach Mönchengladbach - eine ganze Menge nicht mehr benötigter analoger Eisenbahntechnik aus Baal dient heute der Freizeitbeschäftigung im Beeckerheider Keller.

Vor der Mühle zeugt noch ein mit Efeu bewachsener Baumstumpf von einer Trauerweide, die zwei Tage nach Ralf Dichans' Mutters Tod ihre Blätter abwarf und nie mehr welche bekam - eine Beziehungs-Tat? Mensch und Wohn-Raum? Und dessen Auf-Lösung? Sohn Ralf hat die Beziehung wohl mitgenommen, insofern konnte für ihn als Mühlen-Eigner neben Baal als Eigenheimstadt nur die Mühlenstadt Wegberg in Frage kommen.

Quelle: RP
 
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