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Hückelhoven
Das Menschliche im und am Baum

Hückelhoven: Das Menschliche im und am Baum
Bildhauer Andreas Joerissen (li.) und der Maler und Kunstwissenschaftler Dieter Schneller eröffnen im Alten Rathaus Ratheim ihre Ausstellung. FOTO: JÖRG KNAPPE
Hückelhoven. Ausstellung "Bäume, Träume, Seelenräume" im Alten Rathaus Ratheim. Eine Skulptur von Andreas Joerissen erinnert an Hieronymus Bosch zu dessen Todestag vor 500 Jahren. Bildmotive von Dieter Schneller gleichen Traumsequenzen. Von Willi Spichartz

Er hält einen gesiegelten Brief im grob gekreuzten Schnabel, der Adressat ist in altgriechisch anmutenden Buchstaben ungenannt, er trägt einen umgedrehten Trichter auf dem Kopf: Der "Vogelbote", eine Holzskulptur des Gangelter Künstlers Andreas Joerissen, steht in der aktuellen Ausstellung des Hückelhovener Kunstvereins Canthe in einem Doppelsinn. Für den Ausstellungstitel "Bäume, Träume, Seelenräume" und die derzeitige Würdigung des niederländischen Genies Hieronymus Bosch zu dessen Todestag vor genau 500 Jahren. Dessen Stil die Skulptur nachempfunden ist.

"Wir haben jetzt eine Menge zu tun, um das abzuarbeiten, was wir gerade gehört haben!" Canthe-Vorsitzender Dr. Hans Latour dankte dem Duisburger Daniel Beuthner als Schwergewicht der Kulturhistorie für den einführenden Vortrag in die Ausstellung, die außer Andreas Joerissen vom Bonner Künstler Dieter Schneller mit einer Reihe von Ölbildern, Zeichnungen und Skizzen zum Thema Baum, Traum, Seelenraum bestückt wurde. Sie ist auch am kommenden Sonntag offen.

In gut 40 Minuten durchstreifte der Kunsthistoriker, Literaturwissenschaftler und Philosoph Daniel Beuthner - Ikonologe und Privatgelehrter - die Geschichte von Baum, Mensch und Kultur, um Zusammenhänge und Beziehungen aufzuschlüsseln, "das Menschliche am Baum" zu verorten. Andreas Joerissen arbeite als Bildhauer direkt mit dem Objekt Baum, zeige dabei großen Respekt vor der Natur und deren Formen. Eines der Objekte, alle tragen keine Titel, zeige einen Menschen in der Entwicklung, herausgearbeitet aus einem 18 Millionen Jahre alten Baumstamm, der die Menschwerdung zeige in einem Stadium zwischen splitterndem Holz und dem voll ausgebildeten Menschen. Auch Dieter Schneller arbeite mit der Natur, nie gegen sie. Man müsse sich manchmal in seine Bilder "hineinsehen", sie wirkten wie eine Meditation, um in die eigenen Seelenräume einzutauchen.

In der Tat sind die Bilder mit Titeln wie "Waldeinsamkeit", garniert mit Texten, "Mondnacht", "Vespergruß" oder "Am Bärenstein" traum-gleiche Szenerien mit teils weiten Blicken, statisch wie Landschaftsdarstellungen beim Surrealisten Salvador Dali. Schneller wandte sich bereits als 13-Jähriger der Naturbeobachtung zu, ihm gelingen heute mit herausragendem handwerklichem Geschick eindrucksvolle Schilderungen von Natur, Menschen und Natur in weiter Landschaft wie eigene Traumsequenzen.

Der "Vogelbote" mit Brief im Schnabel als Adaption von Boschs Traum-Visions-Gestalten ist für Andreas Joerissen auch ein Stück Zeitgeschichte des späten Mittelalters, in dem Hieronymus Bosch lebte und arbeitete. Der Brief steht gegensätzlich zu Bosch, von dem keinerlei schriftliche Äußerungen zu seinen Intentionen existieren - angesichts seiner teils gewagten Darstellungen auch des Klerus' seiner Zeit wollte er der gefürchteten Inquisition der katholischen Kirche keinen zusätzlichen Spielraum geben, ihn der Ketzerei anzuklagen und auf den Scheiterhaufen zu bringen.

Quelle: RP
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