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Hückelhoven/Erkelenz
Der Schlüssel ist die Begeisterung

Hückelhoven/Erkelenz: Der Schlüssel ist die Begeisterung
Chöre mit modernem Repertoire wie der Gospelchor rejoiSing (oben) unter Leitung von Martin Fauck und die West Vocals (links) unter Leitung von Hubert Minkenberg finden auch heute noch ohne Probleme Mitglieder. Beide Chorleiter äußern sich im Gespräch. FOTO: Resch/ Laaser (Archiv)
Hückelhoven/Erkelenz. Singen in einem Chor ist heutzutage kein Selbstläufer mehr. Vor allem reine Männerchöre haben ein Nachwuchsproblem. Dagegen boomen etwa Gospel- oder Projektchöre. Gespräche über die Zukunft der Chöre. Von Kurt Lehmkuhl

Theo Schläger aus Lövenich ist seit 56 Jahren Chorleiter und hat in dieser langen Zeit viel erlebt, doch dieses noch nicht: "Zum ersten Mal habe ich keinen kirchlichen Kinderchor mehr, weil offenbar kein Kind im Grundschulalter mehr Zeit dafür hat." In Hochzeiten leitete Schläger diesen Chor in Lövenich und Katzem mit 72 Jungen und Mädchen. "Die Kinder singen nicht mehr so viel in der Grundschule", hat er festgestellt. Doch es ist nicht nur die längere Unterrichtsdauer in der Grundschule, die zum Ganztagsbetrieb wird. "Es ist auch die fehlende Bindung zur Kirche", bedauert Schläger, der nicht nur Musikpädagoge war, sondern sich auch als Komponist, etwa von Kinderliedern, einen Namen gemacht hat.

Ist die Zeit des Chorgesangs vorbei? Darauf deutet auch ein zweites negatives Beispiel hin: Der Wirth-Chor "Glück auf" löst sich mit dem Jahreswechsel auf. Auch der MGV "Liedertafel" 1857 Holzweiler hat gerade in einer außerplanmäßigen Versammlung seine Auflösung beschlossen - mangels Nachwuchs. Andere Chöre, insbesondere Männerchöre und Kirchenchöre, werden schon als Chorgemeinschaften geführt, weil sie als Einzelchöre nicht mehr über ausreichend Stimmen verfügen. "Alle Chöre, die ein festes Jahresprogramm haben, haben ein Problem", sagt Schläger, was er allerdings nicht als Abgesang verstanden wissen will. Im Gegenteil. Schläger glaubt an eine Zukunft der Chöre, wenn auch in anderer Form. Damit steht er nicht allein.

FOTO: Laaser Jürgen

Auch Professor Hubert Minkenberg, Gründer des Chores 77 in Hückelhoven, 2012 Initiator des Hückelhovener Gospelworkshops und 2013 Gründer des Chors West Vocals, ist überzeugt: "Chöre haben Zukunft." In diesen Chor der Zustimmung stimmt auch Martin Fauck aus Erkelenz an, der mit RejoiSing einen der inzwischen ältesten Gospelchöre Deutschlands leitet: "Ja, ich bin fest davon überzeugt. Aber es wird nicht leichter." Anders als Minkenberg, der in Großstädten einen Zulauf erkennt, sieht Fauck in einer Kleinstadt wie Erkelenz ein Problem: "Keiner kommt mehr zu einem Chor, weil ihm gerade sonst nichts einfällt. Der Chor ist kein Selbstläufer. Dazu ist die Welt zu voll mit anderen Möglichkeiten."

Schläger drückt es so aus: "Wir leben in einer Konsumgesellschaft, in der die Menschen lieber konsumieren als selbst aktiv zu werden. Und sie wollen sich nicht für lange Zeit festlegen. Ein Chor muss entweder auf ein bestimmtes Projekt hinarbeiten oder er muss eine bestimmte Nische füllen." Minkenberg spricht sogar von einer "medialen Belustigungskultur", gegen die er ankämpfen muss. Deshalb sei es erforderlich, dass die Chorleiter die Probengestaltung und die Repertoireauswahl dem veränderten Zeitgeist anpassen. "Der Schlüssel überhaupt ist die Begeisterung. Die beginnt beim Chorleiter und muss sich übertragen auf den Chor. Und ein begeisterter Chor wiederum zieht neue Mitglieder an", sagt Fauck, der wie Minkenberg bei der Chorleitung und dem Programm ansetzt: "Man muss sich immer wieder hinterfragen, ob man das alles richtig macht. Auch die richtige Musik?"

Häufig ist aktuell von Projekten die Rede. So ist auch der Begriff Projektchor gewachsen für einen Chor, der sich für ein Ereignis zusammenfindet und dann wieder auseinanderfällt. "Projektchöre sind für bestimmte Anlässe sicherlich angebracht", meint Schläger. Minkenberg sieht in einem Projektchor durchaus eine Möglichkeit, zu einem dauerhaften Chor zu werden, wie er mit dem Beispiel von West Vocals verdeutlicht, der sich seit einem Jahr vom Projektchor zum "normalen" Chor entwickele. Aber auch Workshops seien ein probates Mittel, um Menschen für den Chorgesang zu begeistern. Für Fauck sind die Projektchöre ein zweischneidiges Schwert. Schnelle Begeisterung und schneller Erfolg auf der einen Seite, fehlende Kontinuität auf der anderen. "Kontinuität ist aber Voraussetzung für Qualität", betont er. Für viele dauerhaften Chorsänger sei es befremdlich, wenn zu Projekten gute Sänger hinzukommen und wieder abtauchen, wenn's ums alltägliche Singen gehe.

Einhelliges Fazit der drei Chorleiter: Chöre haben eine Zukunft. Ob es Projektchöre sein werden oder spezialisierte Chöre, wie der Gospelchor rejoiSing, ist eine Frage, die eine Antwort zulässt: Beide Wege führen in die Zukunft.

Quelle: RP
 
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