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Hückelhoven
Der stumme Dialog mit dem toten Kind

Hückelhoven: Der stumme Dialog mit dem toten Kind
Die Polizei ist mit Crash Kurs NRW seit 2011 landesweit in Schulen unterwegs. Die Kampagne hat zum Ziel, die Zahl von Verkehrsunfällen mit schweren Folgen und unter Beteiligung junger Fahrer zu verringern. Das Programm richtet sich an 16- bis 24-Jährige. Im Kreis Heinsberg fand der erste Crash Kurs im Dezember 2011 statt. Bis heute hat die Kreispolizei 48 Crash Kurse veranstaltet und damit rund 10.000 Schüler erreicht. Die Zahl der an Verkehrsunfällen beteiligten jungen Erwachsenen verringerte sich in dieser Zeit von 232 (2011) auf 203 (2015). Der wichtigste Erfolg ist aber, dass die Zahl der schwer verletzten jungen Fahrer von 56 (2011) auf 25 (2015) zurückging.
Hückelhoven. Crash Kurs NRW - mit dieser Kampagne rüttelt die Kreispolizeibehörde Heinsberg schonungslos junge Fahrer auf. Die Schüler des Gymnasiums Hückelhoven hörten still der Mutter zu, deren Tochter (18) 2004 einen Unfall nicht überlebte. Von Anke Backhaus

"Das war der Tag, an dem ich lebend gestorben bin. So, wie man das Auto nicht mehr hinbekommt, so bekommt man das Leben auch nicht mehr hin. Mit meiner Trauer kann ich heute umgehen, aber nicht mit der Sehnsucht nach meiner Tochter Nadine. Was bleibt, ist der stumme Dialog mit ihr." Der 10. Juli 2004 hat das Leben von Martina Wilmes und ihrer Familie auf dramatische Weise verändert. In den frühen Morgenstunden, es war ein Samstag, verunglückte ihre 18-jährige Tochter tödlich. Wenn Martina Wilmes über dieses Ereignis erzählt, läuft es dem Zuhörer eiskalt den Rücken runter. Und so ist es kaum verwunderlich, dass die 300 Schüler des Gymnasiums in Hückelhoven still waren und wie gebannt zuhörten. Die meisten von ihnen in dem Alter, in dem sich Nadine Wilmes' Lebenskreis schloss.

Der Crash Kurs NRW machte Station in der Aula des Gymnasiums. Mit der Aktion will die Kreispolizei Heinsberg junge Fahrer erreichen und ihnen schonungslos vor Augen führen: Unfälle passieren nicht einfach so. "Unfälle passieren nicht. Sie werden verursacht", unterstrich Polizeihauptkommissar Georg Schippers und appellierte an die Schüler, sich auf Fotos und Videos gefasst zu machen, die genau das zeigen, was unfassbare Tragödien auslöst.

Es ist dieser winzige Moment der Unachtsamkeit, es ist nur die kurze Strecke, auf der der Gurt nicht nötig erscheint, es sind nur die zwei, drei Gläser Bier, es ist nur dieses kurze Handygespräch. "Ihr wisst alle, dass es Regeln gibt, an die ihr euch im Straßenverkehr halten müsst. Und doch gibt es diejenigen, die dagegen verstoßen", sagte Schippers.

Zu den eindrucksvollsten Videos zählte eine Studie von Verkehrsunfallexperten, die die buchstäblich letzte Sekunde bis zum Tod rekonstruierten. "Es stirbt sich schnell" lautete deshalb der Titel des Videos, das zeigte, was eine Sekunde, 0,9 Sekunden, 0,8 Sekunden, 0,7 Sekunden usw. vor dem Tod mit dem Körper eines Menschen passiert, der in einem Auto sitzt, das mit voller Wucht gegen einen Baum prallt. Ein Video, das nichts für schwache Nerven ist. Spätestens da war der Zeitpunkt gekommen, als erste Schüler kurz die Aula verließen. Sie wurden nach Bedarf fachlich betreut.

Polizeioberkommissarin Angela Jansen, Michael Wassen (Geilenkirchener Feuerwehr und Hauptbrandmeister der Berufsfeuerwehr Düsseldorf), Notärztin Dr. Birgit Jansen, Notfallseelsorger Manfred Jung und Mutter Martina Wilmes berichteten persönlich, wie es ist, mit einem schweren Verkehrsunfall konfrontiert zu werden.

Angela Jansen hatte im April 2010 gerade den Dienst begonnen, als sie und ihre Kollegen zu einem Unfall auf der Bundesstraße 221 gerufen wurden. "Das sah auf den ersten Blick gar nicht so schlimm aus. Doch dann wurde klar, dass die Beifahrerin des verunglückten Transporters den Unfall nicht überlebt hat. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass die Frau drei Wochen zuvor Mutter eines Jungen geworden war. Stellt euch nun bitte vor, dass dieser kleine Junge bald in die Schule kommt und seine Mutter das - und eben nicht nur das - nicht mehr miterlebt." Der Fahrer des Transporters fuhr unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln.

Feuerwehrmann Wassen kennt beide Seiten. Einerseits als Retter, andererseits waren er und ein Kollege 2009 in einen Verkehrsunfall verwickelt. Verursacher war ein 22-Jähriger, der unaufmerksam war. "Glaubt mir, diese Bilder machen keinen Spaß", sagte er, der wie Notärztin Jansen mit Nachdruck sagte, dass die Überlebenschancen steigen, wenn man angeschnallt ist. "Am Sonntagmorgen zwischen 6 und 7 Uhr ist die Welt noch in Ordnung", leitete Notfallseelsorger Jung seinen Vortrag ein. Um diese Zeit geriet sie für eine Familie komplett aus den Fugen. Jung und die Polizei mussten einer Mutter und einem Vater die Nachricht überbringen, dass kurz zuvor ihr 18-jähriger Sohn einen Verkehrsunfall nicht überlebt hatte. Jung: "Die Notfallseelsorge kommt dann zum Tragen, wenn die technische Hilfeleistung der Feuerwehr und die medizinische Hilfe an ihre Grenzen gestoßen sind."

Im Zuge der polizeilichen Präventionsprojekte entstand die Idee der weißen Kreuze. An vielen Unfallstellen, an denen Menschen starben, stellt die Polizei solche in Absprache mit den Angehörigen auf. Schippers mahnte: "Im Kreis Heinsberg stehen zu viele weiße Kreuze. Sorgt dafür, dass wir nie zu euren Eltern fahren müssen, um ihnen schlimme Nachrichten zu überbringen."

Quelle: RP
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