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Hückelhoven
Dinstühlers Mut mit dem Leben bezahlt

Hückelhoven: Dinstühlers Mut mit dem Leben bezahlt
In noch glücklichen Tagen: Rektor Friedrich Dinstühler (re.) gemeinsam mit seinen Amtsbrüdern Pfarrer Gerhard Frenken und dem Steyler Pater Wilhelm Sermon (li.) aus Doverack im August 1936 im Hückelhovener Pfarrgarten. FOTO: Picasa
Hückelhoven. Der Hückelhovener Pfarrer war der NS-Diktatur in mehrerer Hinsicht verdächtig, "den nationalsozialistischen Staat abzulehnen". Ein Mitbruder und Studienfreund denunzierte ihn. Vor 60 Jahren starb Dinstühler im Straflager. Von Willi Spichartz

Am 13. Juli 1946 erhielt die katholische Pfarre St. Lambertus in Hückelhoven eine Mitteilung über einen Beschluss des Amtsgerichts Erkelenz: "Es wird mitgeteilt, dass der zuletzt in Hückelhoven wohnhaft gewesene Pfarrer Friedrich Dinstühler, geboren am 20. Oktober 1896 in Marienheide, Bezirk Köln, am 30. März 1945, 24 Uhr, in dem Lager Ohrdruf gestorben ist." Ein Großrelief an der Lambertus-Kirche erinnert seit 65 Jahren an Dinstühler, in Eschweiler erhielt er kürzlich an der Kirche St. Peter und Paul, wo er zuvor neun Jahre gewirkt hatte, einen sogenannten "Stolperstein".

"...gestorben ist" drückt nicht das aus, was dem Pfarrer widerfahren ist: Friedrich Dinstühler wurde im Konzentrationslager Ohrdruf durch übermenschlich schwere Arbeit zu Tode geschunden, ermordet. Dinstühler wurde ein Opfer der sogenannten "Endphaseverbrechen", in denen die Nazis sich noch langjähriger Gegner und eventueller Zeitzeugen ihrer Verbrechen entledigten.

Die Stadt Eschweiler, an deren Pfarre St. Peter und Paul Dinstühler zehn Jahre wirkte, widmete ihm jetzt einen "Stolperstein". FOTO: Ebbecke-Bückendorf

Dinstühlers Lebens- und späterer Leidensweg wurde in den Chroniken der Hückelhovener Pfarren St. Barbara 1983 und St. Lambertus 1985 nachgezeichnet, in denen auch ein vierseitiger Totenzettel abgedruckt ist, der wohl aus der Zeit vor dem Erkelenzer Gerichtsbeschluss stammen muss, da in ihm gesagt ist, dass sie "... weder einen Todestag noch sein Grab kennen...", und dass er "...unschuldig, nur durch Verrat und Verfolgung ins Konzentrationslager gebracht" wurde.

Ein "Verräter" wird dort nicht genannt, aus welchen Gründen auch immer. Den nennt aber im Januar 2015 mit Anna-Regina Cremer (geb. Dinstühler) eine Nichte des Ermordeten in einem Beitrag für das Pfarrblatt der katholischen Gemeinde Marienheide: Pfarrer Weingarz, der Seelsorger von Marienheide, mit dem er zusammen studiert und mit dem er gemeinsam die Priesterweihe empfangen hat. Und mit dem er im November 1944 in der dortigen Wallfahrtskirche eine Messe feierte. Beim anschließenden Frühstück im Pfarrhaus mit Vikar Hohmann berichtet Dinstühler Weingarz über seine Rückkehrabsichten ins evakuierte Hückelhoven und weitere Vertraulichkeiten - der entsetzte Vikar versetzt Dinstühler unter dem Tisch einige Fußtritte, um ihn zu warnen, Hohmann ist von Weingarz' politischer Gefährlichkeit überzeugt. Und das bestätigt sich aus einer Akte der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) vom 6. Dezember 1944, in der ausgesagt wird, dass Dinstühler trotz Evakuierung nach Hückelhoven zurückkehren will und "... die Absicht bekundet, beim Feind zurückzubleiben." Das sei Landesverrat. Informant: "G 3621", der Tarnname von Pfarrer Weingarz als V-Mann, als Spitzel der Gestapo.

Die Marienheider Gestapo meldet die Sache zu den Kollegen nach Erkelenz, durch die "... umgehend das weitere veranlasst werden" müsse. Mitgeliefert wird die Mahnung, "... für eine streng vertrauliche Behandlung der Angelegenheit [...] Sorge zu tragen, da sonst der Gewährmann äußerst gefährdet würde...". Friedrich Dinstühler hatte eigentlich eine Genehmigung, so lange in Hückelhoven bleiben zu können, wie die Notbelegschaft auf der Zeche Sophia-Jacoba ihren Dienst zur Verhinderung des "Absaufens" der Grube durch die Betreuung der Absaugpumpen für das Grundwasser verrichtete. Dinstühler kehrte tatsächlich nach Hückelhoven zurück, verrichtete seinen seelsorgerischen Dienst wegen der Zerstörungen an der Kirche und am Pfarrhaus im Pfarrhaus-Keller.

Jahre zuvor hatte sich der Priester in einer Predigt und einer Vernehmung verdächtig gemacht, "... den nationalsozialistischen Staat abzulehnen...", ihm wurde die "... Genehmigung zur Erteilung des Religionsunterrichts..." entzogen.

Am 18. Dezember 1944 wurde er als "Landesverräter" verhaftet und ins SA-Lager auf dem Zechengelände gebracht, verhört, dabei misshandelt. Am nächsten Tag ging es dann in den "Klingelpütz", Kölns bekanntestem Gefängnis, wo er bis Ende Januar blieb, ohne dass die Familie noch einmal mit ihm sprechen konnte. Per herausgeschmuggelten Briefchen (Kassibern) bat er um eine Decke und Läusepulver.

Ende Januar wurde er ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht, von dort aus ins nahe Außenlager Ohrdruf zu schwerer Arbeit mit der Ausgrabung eines Stollens. Der jüdische Mithäftling Erwin Friede sah ihn dort später wieder, "... in einem furchtbaren Zustande." Friedrich Dinstühler war völlig entkräftet, schwer krank, praktisch nicht bei Bewusstsein. Als er ihn Tage später noch einmal sehen wollte, sagten ihm die Nazis, dass Dinstühler "eingegangen" und in eine "Leichenbaracke" geworfen worden sei. Das Verbrechen war vollendet.

Quelle: RP
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