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Hückelhoven
Filigrane Kunst en miniature

Hückelhoven: Filigrane Kunst en miniature
Andreas Joerissen an seinem Mini-Buch - die Vorgabe für alle Kunstwerke: nicht größer als fünf mal fünf Zentimeter. FOTO: JÜRGEN LAASER
Hückelhoven. Erstaunlich, was sich in fünf Zentimetern Höhe, Breite, Tiefe an kreativen Ideen verwirklichen lässt. Der Kunstverein Canthe zeigt "kleine Kunst ganz groß" im Alten Rathaus Ratheim. Vom Betrachter ist ein scharfes Auge gefordert. Von Willi Spichartz

"Habe ich ein Werk übersehen? Nein? Dann können wir den Raum wechseln." Eine zuvor nie gehörte Frage stellte die Kunsthistorikerin Alexandra Simon zur Eröffnung der jüngsten Ausstellung des Kunstvereins Canthe im Alten Rathaus in Ratheim. Die Frage war berechtigt, denn noch nie gab es in diesem städtischen Kunsttempel mit zwei Räumen eine Ausstellung mit Werken, die ein Höchstmaß von fünf mal fünf mal fünf Zentimetern haben durften. Dieses Höchstmaß war die von den Mitgliedern selbst auferlegte Vorgabe für die jährliche Themenausstellung des Kunstvereins mit dem treffenden Titel "en miniature".

Eine halbe Hundertschaft Interessenten konnte Canthe-Vorsitzender Dr. Hans Latour zur Traditionsausstellung begrüßen, deren Thema die derzeit 14 Vereins-Künstler jeweils im Frühjahr demokratisch auswählen und entscheiden, ob sie teilnehmen. Elf sind es in diesem Jahr, und die überraschen (nicht nur) ihren Vorsitzenden immer wieder mit schwierigen Themen und deren kreativer Umsetzung.

Daran ließ auch die Aachenerin Alexandra Simon-Tönges keinen Zweifel, die den Besuchern die Geschichte der Kunstsparte "Miniatur" näher brachte. Schon seit der Renaissance hätten Miniaturen die Menschen in ihren Bann gezogen, heute platzierten der Brite Wigard Wilan und der Amerikaner Dalton Ghetti Miniaturen in Nadelöhre und auf Bleistiftspitzen. Das erfordere erhebliche Hand-Werks-Kunst - und die sei auch bei den Canthe-Künstler-Miniaturen hervorstechend.

Sei es ein unvollendet-rätselhaftes Scrabble-Spiel, ein Kipp-Relief wie ein Vexier-Bild von zwei Seiten zu betrachten, eine Mini-Skulptur zum Motiv Fliegen und Technisierung als Menschheitsträumen, zwei tanzende Wesen im Draht und einem Kubus und ein farbiges Labyrinth, das ganz aktuell den schweren Weg von Flüchtlingen versinnbildlicht - alles passt in das Fünf-Zentimeter-Maß.

Und das zwingt die Betrachter, mit dem Objekt auf Tuchfühlung zu gehen, zum Schrecken mancher Museumswärter. So fokussiert, nimmt man stürzende Buchstaben in einer dreidimensionalen Darstellung als "Liberty" wahr, ein Minibuch zeigt sich als vorn und hinten gebunden, also geheimnisvoll verschlossen, ein durchnagelter Papierstapel hebt das Wort als Deutungselement unter anderem für Krieg und Frieden heraus. Ein rotes Buch mit goldenen Seiten auf einem Holzpfosten ist das "Buch der versehrten Seelen", während ein Stier(-Bullen-)Kopf vor der Frankfurter Skyline den seelenlosen Raubtierkapitalismus symbolisiert.

Schließlich ein Bild, das den Blick mit kleiner werdenden Passepartouts aufs Zentrum orientiert, das von einem sich im Wasser spiegelnden Ast und einem schwimmenden Herbstblatt geprägt wird.

Quelle: RP
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