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Hückelhoven
Flucht aus Hückelhoven unter Beschuss

Hückelhoven: Flucht aus Hückelhoven unter Beschuss
Das Haus von Opa Sermon, damals Doverack 18. Das Gebäude existiert nicht mehr, die Straße heißt heute Emsstraße. FOTO: PRIVAT
Hückelhoven. Bernhard Scherger war sechs Jahre alt, als seine Familie vor 70 Jahren aus Doverack fliehen musste. Der Zeitzeuge erinnert sich an den später im KZ umgekommenen Pfarrer Dinstühler und beschreibt eine dramatische Zeit. Von Bernhard Scherger

Pastor Dinstühler hatte am Abend vor unserer Flucht uns den Segen gegeben und gesagt: "Der Krieg ist bald vorbei. Dann wird es Euch besser gehen." Jahre später fiel mir auf, dass er nicht gesagt hatte: "uns" wird es dann besser gehen, sondern "Euch". Er hat wohl sein furchtbares Schicksal, das ihm bevorstand, geahnt. Ein "Judas" aus der Reihe seiner Mitbrüder hatte seine Endsiegzweifel verraten.

Früh mussten wir aufstehen, bekamen zu essen, den Rucksack umgehängt, Namensschild um den Hals, los ging der Treck. Als ich nach dem Krieg mittags aus dem Volksempfänger endlose Suchmeldungen hörte - Eltern suchten ihre Kinder, Kinder die Eltern -, erinnerte ich mich an mein Schild und wusste, warum ich es tragen musste.

Opa stand traurig vor dem Haus, ich glaubte, er weinte. Die starke Leni zog den Handwagen, beladen mit Bettzeug, Töpfen, Lebensmitteln. Manchmal durfte mein kleiner Bruder oben drauf sitzen. Dahinter schoben Mutter und Schwester Gertrud ihr beladenes Fahrrad, wir Kinder trotteten mittendrin. Vor uns und hinter uns gingen andere Leute mit Ziehkarren, Kinderwagen, Koffern und Rucksäcken - alle Richtung Baal und Erkelenz.

In der Ferne hörten wir das Donnern und Pfeifen der amerikanischen Artillerie. Leute sagten: "Die Amis sind bald an der Rur und holen uns ein." Es war Winter, kalt und unser Marsch gefährlich. US-Tiefflieger machten Jagd auf alles, was sich bewegte. Wenn ihre Flugzeuge auftauchten, hieß es: fort von der Straße! Die Erwachsenen stürzten sich ins Gebüsch. Dabei zerrten sie uns Kinder mit sich auf den nassen Boden. Schon hörten wir das Dröhnen der Flugzeuge, das laute Tackern der Maschinengewehre, die Einschläge. Der Spuk war schnell vorbei, alle standen auf und liefen weiter. Einmal sollen einige nicht aufgestanden sein. Ich hörte das später von den Erwachsenen.

Ich weiß auch nicht mehr, wie wir nach vielen Stunden unserer abenteuerlichen Flucht todmüde, aber gesund in unserer alten Wohnung in Gladbach angekommen sind. Wir mussten mit mehreren Familien in der engen Wohnung leben. Mutters Schwester ist mit ihrem Rad zu ihrem kranken Vater zurückgefahren. Sie hat später erzählt, vor Hückelhoven sei sie mehrmals von versprengten deutschen Truppen angehalten und dringend davor gewarnt worden, weiter zu fahren. Ich erinnere mich an ihren Satz, den sie oft von deutschen Soldaten gehört hätte: "Um Gotteswillen, Mädchen, was machst Du denn hier? Du kannst unmöglich weiter fahren. Hier ist Frontgebiet. Du bist in Todesgefahr. Fahr zurück!" Sie habe immer nur gesagt: "Ich muss zu meinem Vater. Der ist krank." Dann sei sie weitergefahren und habe im Lärm der Geschütze laut gebetet. Schließlich sei sie wohlbehalten beim Vater eingetroffen. Sie war überrascht: Im Haus hatten sich deutsche Soldaten einquartiert. Der Vater erzählte ihr, es seien Funker, die Tag und Nacht mit ihren Geräten arbeiteten. Sie müssten morgen abziehen, weil die "Amis" sie dann geortet hätten und die Artillerie auf ihren Standort schieße. Am nächsten Tag seien sie wirklich abgezogen und hätten dringend davor gewarnt zu bleiben. Der Vater hätte den Soldaten nur gesagt: "Ich kann nicht weg. Gott wird uns beschützen." In den nächsten Stunden seien tatsächlich Granaten in der Nähe eingeschlagen. Einmal hätte es einen lauten Knall und ein großes Krachen gegeben. Als sie am Abend wagten, nach draußen zu gehen, hätten sie mit Schrecken festgestellt, dass das Nachbarhaus einen Volltreffer abbekommen hatte und nur noch ein Haufen Schutt war. Gott sei Dank war niemand mehr im Haus. Die Nachbarn waren dem Befehl der Evakuierung früh gefolgt. Tochter Gertrud erzählte weiter, dass die Front wenige Tage später über sie hinweg gerollt sei. Ein schwarzer Soldat sei mit dem Gewehr ins Haus gestürmt und hätte gerufen: "Rauskommen! Hände hoch!" Sie habe sich in einem Winkel zwischen Kamin und Wand versteckt und furchtbare Angst gehabt. Der Vater sei aus dem Keller gekommen, und sie sei mit erhobenen Armen aus ihrem Versteck gekrochen, in einer Hand den Rosenkranz, und habe laut gerufen: "Ich bin katholisch!" Da hätte der Soldat einen Moment große Augen gemacht, dann auf sich gezeigt und mit dem Kopf genickt, als wollte er sagen: Ich auch. Da hätte sie gewusst, dass ihr nichts Schlimmes passieren konnte.

In Gladbach mussten wir mit 20 Personen da leben, wo wir als Familie mit fünf Personen gelebt hatten. Etwa zehn Kinder verschiedener Familien schliefen in einem Zimmer nebeneinander auf dem Boden, die Erwachsenen im Nebenzimmer. Die Amerikaner waren Ende Februar in Gladbach mit Panzern, Lastwagen und Jeeps plötzlich da. In der Stadt, die zur Hälfte zerstört war, herrschte große Wohnungsnot. Wir mussten zurück nach Hückelhoven zu Opa und Tante Gertrud - auf einem kuriosen Lastauto, von einem heißen Holzofen angetrieben. Mit uns fuhr ganz überraschend ein Bischof.

Quelle: RP
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