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Erkelenzer Land
Heimatbiere liegen im Trend

Erkelenzer Land. Drei Bierbrauer - aus Hückelhoven, Wassenberg und Erkelenz - sehen einen wachsenden Markt für das "eigene" Bier. Von Willi Spichartz

Man hat wieder näher am Brauwasser gebaut. "Das Bier von hier!" Mit dieser markanten Devise braut seit 2011 der Hilfarther Korbmachermeister Wilhelm Fell. Sieben Biersorten zurzeit. Heimatbier sozusagen - an der Rur. Zehn Kilometer flussabwärts steht die Brauerei Am Roßtor, seit 2014 wird dort Wassenberger Bier, Rurtaler, gebraut. "Eigenes", regionales, lokales Bier über die Zunge gleiten zu lassen, wird immer populärer.

Mit einem eigenen Fluss kann die Erkelenzer Innenstadt zwar nicht aufwarten - gebraut wird aber seit 2014 auch dort. "Anton's", die Gastronomie am Bahnhof, fertigt unter anderem ihr eigenes "Helles". Der Umkehrschluss heißt nicht, dass die Hilfarther und Wassenberger ihre Hopfen und Malze mit Rurwasser zusammenbringen. Wilhelm Fell vertraut dem Uevekovener Trinkwasser, das permanent kontrollierte Qualität anliefert. Wie wär's mit einem eigenen Brunnen im Hilfarther Südwesten? "Igitt", sagt der bodenständige Korbmacher mit eigenem Herstellungsbetrieb in Indonesien, "mein Vater hat wenige Meter tief gebohrt - das dort stehende Wasser stinkt erbärmlich. In gleicher Tiefe in Hückelhoven ist das Grundwasser allerdings gut!" Die eigene "Felsquelle" hat ohnehin kaum eine Brauerei.

Die "Brauerei am Roßtor" veräußert ihre Produkte nur im "Braukeller", der Gastronomie im Alten Rathaus, sowohl in der Lokalität als auch in Ein-Liter-Flaschen und Fünf-Liter-Fässchen, wobei die Brauerei nicht vom Gastronomie-Unternehmer Heinz-Josef Schümmer selbst betrieben wird. Die Brauanlage wurde vom Eigentümer Norbert Dahmen, dem auch das von ihm restaurierte Alte Rathaus gehört, in ein Nachbarhaus verlegt. Er braut dort weitgehend selbst.

Nicht nur das exklusive Eigenprodukt, sondern auch zunehmende Verärgerung über die Marktstrategien der Großbrauereien und Getränkehändler lässt immer mehr Gastronomen auf eigene oder die Produkte anderer Kleinbrauer zugreifen. Heinz-Josef Schümmer: "Die Groß-Brauereien verkaufen das Fassbier an die Wirte teurer als das Flaschenbier an die Verbraucher im Supermarkt. Und die Getränkegroßhändler sind durch Fusionen regelrechte Monopolisten geworden, was die Wirte zu spüren bekommen."

Das bestätigt Wilhelm Fell in vollem Umfang. Wirte, die sehr gern seine Natur-Biere anbieten wollten, sahen sich mit größten juristischen Schwierigkeiten mit ihren Großhändlern konfrontiert, die ihnen vertraglich ihre Biere und die anderen Getränke und Zubehör liefern. Dennoch hat Fell bereits zwei Gaststätten in Erkelenz und eine in Randerath als Dauerkunden für Fassbier, die allerdings nicht die ganze Braukapazität in Hilfarth abrufen.

Fell hat mit seiner Ersteinrichtung 2011 so erfolgreich agiert, dass er in diesem Jahr eine größere Anlage in Monschau kaufen konnte, mit der er fünf Hektoliter, also 500 Liter, in vier Suden täglich brauen kann. Auch die Kühllagerkapazitäten wurden durch Zukäufe ausgedehnt auf 55 Hektoliter. Geliefert wird auch Zubehör wie Gläser, Bierdeckel, sogar T-Shirts mit Heimat-Bier-Logo.

Im Markt der Brauerei-Einrichtungen ist unheimlich viel Bewegung - vier Tanks erwarb Fell in Düsseldorf, wo die Herstellung des "Unterbacher Dröpkes" aufgegeben wurde. Das Hilfarther Brauhaus ist inzwischen eine praktisch vollständige Brauerei, denn Fell füllt Großfässer, Partyfässer und Flaschen ab, hat zu deren Reinigung eigene Anlagen angeschafft. Und den Erfolg führt er eben darauf zurück, dass Heimatbier angeboten wird, am 1. Mai waren allein 1000 Heimat(bier)freunde im Hilfarther Brauhaus. Das Industriebier der Großbrauer strömt, haltbar gemacht für mindestens ein Jahr, um den Globus, das Hilfarther Heimatbier hält zwei Monate - es wird weder filtriert noch geklärt, Kunden dürfen es nicht in Wärme lagern. Die "Gerstenkaltschale" muss bis zum Konsum kalt stehen. Dann schmeckt es unvergleichlich frisch.

Einen Meisterzwang für Brauereien gibt es seit 2004 nicht mehr, inzwischen hat sich ein Dienstleistungssektor herausgebildet von freiberuflich-reisenden Braumeistern, die die Kleinbrauereien bedienen und Lieferanten von Produkten für die Bierherstellung sind.

Fell braut ausschließlich selbst, und das nach dem Reinheitsgebot von 1516 mit Wiener Malz, Hallertauer oder Tettnanger Hopfen und Uevekovener Wasser. Das Produkt tanzt, wie könnte es anders sein, Wiener Walzer auf der Zunge, und das sogar im November - am 29. wird um elf Uhr das erste Fass Winterbock angestochen.

Und was macht der Korbmachermeister, wenn er keine Körbe macht oder Bier braut? Den Braumeister! Im Februar 2016 belegt er für zwei Semester den viel begehrten Meisterkursus in Kulmbach in Oberfranken, "der" deutschen Bierregion. Und warum dort? Da es dort ein einfaches Motto gibt: "Bier braucht Heimat - Heimat braucht Bier!"

Quelle: RP
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