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Hückelhoven
"Hört ihr Leut' und lasst euch sagen..."

Hückelhoven: "Hört ihr Leut' und lasst euch sagen..."
Wie die Bergleute haben die Frauen ihr "helles Licht bei der Nacht schon angezünd'" und folgen der Nachtwächterin. Gerda Boisten (mit Hut) ist Mitglied des Arbeitskreises Hückelhoven im Heimatverein der Erkelenzer Lande. FOTO: JÜRGEN LAASER
Hückelhoven. Seit 2008 führt Nachtwächterin Gerda Boisten, Mitglied der Frauengemeinschaft St. Lambertus, durch ihre Heimatstadt. Von Daniela Giess

Ausstaffiert mit dunkelblauem Lodenmantel, Hut, Taschenlampe und Mikrofonanlage, erklärt die Stadtführerin bei abendlichen Spaziergängen ihre Heimat. Gerda Boisten kennt Hückelhoven. Weil sie immer hier gelebt hat. Als "Hückelhovener Nachtwächterin" ist die 66-Jährige ganz in ihrem Element.

Dann entführt sie in längst vergangene Zeiten. Als eine kleine Notbelegschaft die Grube Sophia-Jacoba am Laufen hielt. Als der legendäre Lichthof der Steinkohlenzeche durch Granaten schwer beschädigt wurde. Als die Belegschaft zu "militärischen Erdarbeiten" abgezogen wurde an die Schanz in der Eifel und die Parkhofstraße noch Adolf-Hitler-Straße hieß. Der Zweite Weltkrieg und die schwere Nachkriegszeit standen jetzt im Mittelpunkt ihrer aktuellen Führung, zu der Gerda Boisten im Rahmen der Woche der Frauen von St. Lambertus eingeladen hatte. Fast 30 Teilnehmerinnen tauchten dabei mit der Hückelhovenerin ein in weitgehend fremde Welten. Ihr Wissen bezieht Gerda Boisten unter anderem aus dem alten Buch, das Rektor Terboven geschrieben hat.

Die Gaststätte Bürgerhof unter schwerem Artilleriebeschuss, Ernst Mokwa, Hückelhovener Bergmann und Betriebsratsmitglied, wird 1944 von den Nationalsozialisten nach Köln geschafft und in den Messehallen der Domstadt mit einer Giftspritze getötet. In der Mokwastraße, die nach ihm benannt ist, macht Gerda Boisten mit ihrer Gruppe Halt an der Gedenktafel für die Opfer des Faschismus. "Früher gab es hier ausschließlich Geschäfte jüdischer Mitbürger", weiß die Nachtwächterin. "Heute ist alles in türkischer Hand." Einige Juden aus Hückelhoven seien geflohen, unter anderem nach Venezuela, andere seien von der Gestapo erschossen worden.

Gerda Boisten hält auch die Erinnerung wach an Pfarrer Friedrich Dinstühler, der in der Zeit von 1938 bis 1945 Gottesdienste in den Kellerräumen des Pfarrhauses abhielt - trotz Verbots. Im KZ Buchenwald wurde der Geistliche aus der Zechenstadt im März 1945 ermordet. Letzte Station des abendlichen Spaziergangs mit der Hückelhovener Nachtwächterin ist Schacht 3 der heute stillgelegten Steinkohlenzeche. Hier berichtet Gerda Boisten von der Notbelegschaft, die gegen Kriegsende in der Zeit der Evakuierung den Betrieb aufrecht hielt. "Ohne diese Notbelegschaft sähe es hier heute anders aus. Hückelhoven wäre kleiner und dörflicher", schätzt sie. Damals hätten die Männer das Werk vor dem Ersaufen gerettet. Die Stimmung sei in dieser Zeit gedrückt gewesen, da die Unsicherheit über das Schicksal der Angehörigen in der Evakuierung groß gewesen sei. Die drei Schächte seien ausgefallen, denn, so die Nachtwächterin, "die Amerikaner feuerten sofort, wenn sich die Seilscheiben drehten". Mit Leitern hätten die Kumpel das Kohlerevier erreicht und wieder verlassen. 18 Tage sei die Zeche Sophia-Jacoba ohne Betreuung gewesen. Unter den Gästen der Nachtwächterin war eine Dame, die Geschichten aus dieser Zeit aus der eigenen Familie kennt: "Mein Opa gehörte zur Notbelegschaft", erzählte sie. So weit ist also dieser Teil der Geschichte Hückelhovens noch nicht entfernt.

Gerda Boisten kennt ihre Stadt wie ihre Westentasche. Sie hat ihr Leben hier verbracht. Die Nachtwächterin - "Hört ihr Leut' und lasst euch sagen..." - gibt spannende Geschichten zum Besten.

Quelle: RP
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